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Der Čerchov und die Geister der Vergangenheit

 
photo:  (Traudi Wallner (Foto: Dominik Jůn))
 

Viele Tschechen und Deutsche zieht es auf den Čerchov, den Schwarzkopf. ER ist nämlich ein Stück gemeinsamer Geschichte.

 
 

Trotz seiner trostlosen äußerlichen Erscheinung ist der Berg gut besucht. Oft kann man tschechische und deutsche Ausflügler dabei beobachten, wie sie in dem grauen Bergbistro bei einem kühlen Bier oder einer deftigen Mahlzeit miteinander ins Gespräch kommen. Die Gäste können entweder draußen oder drinnen sitzen, wo die Wände mit Devotionalien aus Zeiten des Kommunismus behangen sind.

Während des Zweiten Weltkriegs und später im Kalten Krieg wäre so ein Zusammentreffen noch undenkbar gewesen. Die Tschechen nutzten den Čerchov seit den1950er Jahren als militärischen Stützpunkt. Nach der Samtenen Revolution im Jahre 1989 sollte er für die Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden. Doch dauerte dieser Prozess ziemlich lange. Erst seit 1999 ist der Čerchov wieder für Besucher geöffnet. Traudi Wallner aus Waldmünchen hat den langen Prozess hautnah miterlebt. Sie wandert mindestens einmal pro Woche auf den Gipfel:

„Ich habe den ganzen Verlauf verfolgt. Erst durfte man nur bis ans Eiserne Tor. Dort waren die Wachhunde und das Militär. Nach und nach ist das alles lockerer geworden. Vor vierzehn Jahren ist dann das Bistro eröffnet worden. Inzwischen bin ich Stammgast. Ich habe hier nur gute Erfahrungen gemacht. Mittlerweile gibt es viele deutsch- tschechische Freundschaften. Früher wurde uns immer gesagt, dass die Tschechen unser Feind seien. Jetzt sieht man, dass die Tschechen Leute sind wie wir. Ich finde das ganz toll. Es ist für uns eine große Bereicherung, dass wir inzwischen in die andere Richtung reisen und gehen können.“

Vom Mysterium zum Treffpunkt

Das Gebiet rund um den Cerchov war zu Zeiten des Kommunismus ein streng überwachtes Sperrgebiet. Ein Stacheldrahtzaun hielt die Tschechen davon ab, in den Westen zu fliehen. Und auch die Deutschen lernten, sich von der Grenze fernzuhalten. Sie wussten, dass sich irgendwo hinter den Wäldern der Todesstreifen befinden würde. Sie fürchteten sich davor, dass es ihnen genauso ergehen könnte wie dem Deutschen Johann Dick. Er wurde im Jahre 1986 von tschechischen Soldaten erschossen. An dem Tag seines Todes befand er sich sehr nah an der tschechisch-bairischen Grenze. Für Sepp Schober war der Cerchov ein ebenso unantastbares Gebiet wie für viele andere auch:

„Für mich war das Ganze immer ein großes Mysterium bis die Grenze geöffnet wurde. Man konnte mit dem Fahrrad von meinem Wohnhaus aus maximal vier Kilometer Richtung Osten fahren und dann war die Welt zu Ende. Inzwischen lacht man darüber, aber damals war das bitterer Ernst.“

Auch der Pensionist Jens Trümper blickt der Grenzöffnung sehr positiv entgegen. Er kennt die Geschichten dieser Gegend nur aus Erzählungen. Sein Vater hielt sich damals in der DDR auf, während der Rest der Familie im Rheinland lebte. Jens Trümper waren die Auswirkungen der Grenze durchaus bewusst:

„Wir haben sehr genau verstanden, dass dieser unmenschliche Vorhang auch hier durchgebaut worden war. Wir wussten, dass das ökonomisch und psychologisch große Auswirkungen auf die Menschen hier haben würde. Ich erlebe es sehr bewusst, dass die Grenze nur noch durch diese paar Stecken zu erkennen ist. Gerade heute sind wir wieder über die Grenze gegangen. Für mich ist das besonders wohltuend. So wie es hier ist, sollte ganz Europa sein.“

Vom Wanderziel zum Hotspot des Kalten Krieges

Ab den 1920er Jahren siedelten sich nördlich und südlich des Čerchov immer mehr Deutsche an. Rundherum befand sich das überwiegend tschechische Chodenland. Die Gegend hier war das schmalste deutsche Siedlungsgebiet in der ganzen Tschechoslowakei. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die Deutschen fliehen und ihre Dörfer wurden zerstört. Heute gibt es dort keine der ursprünglichen Bewohner mehr.

Von Waldmünchen aus können deutsche Besucher den Čerchov ganz einfach mit dem Auto erreichen. Die meisten bevorzugen allerdings die extra angelegten Wander- und Radwege, die über die tschechische Grenze hinweg zu der Bergspitze führen.

Oben auf dem Gipfel stehen keine Bäume. Dafür gibt es einen historischen Aussichtsturm, von dem aus die Besucher einen fantastischen Blick über Teile Tschechiens und Deutschlands haben. An klaren Tagen kann man manchmal sogar die Alpen sehen. Die gute Lage des Berges kam dem tschechoslowakischen Militär für Abhörmanöver in den Westen zugute, wie Sepp Schober weiß, der nicht weit vom Čerchov wohnt:

„Was man jetzt noch sehen kann, sind traurige Reste. Hier sieht man noch die alten Garagenkomplexe. Darauf standen Fahrzeuge mit entsprechend großen Antennen, mit denen man nach Westen gelauscht hat. Der Čerchov ist eine Schneise, wo man bei gutem Wetter bis weit in die Alpen schauen kann. Zu meiner Rechten hier, ist das Bistro. Die Tschechen haben das immer als Stasi- Baracke beschrieben. Es wird erzählt, dass hier Leute kamen, die die Bänder abgeholt haben, auf denen Aufzeichnungen des deutschen Telefonverkehrs gespeichert waren. Das sind die Anekdoten, die man hier am Biertisch hört. Ob das der Wahrheit entspricht, kann man nicht nachvollziehen, aber es klingt durchaus realistisch.“

Streit um die militärischen Altlasten

Sepp Schober fährt seit der Wende mindestens einmal pro Woche mit dem Fahrrad zum Čerchov. Der Wander- und vor allem Fahrradtourismus ist seit den 1990er Jahren enorm gestiegen. Auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatte sich der Čerchov zu einem beliebten Touristenziel entwickelt. Im Jahre 1893 unternahm der KČT, der Club der tschechischen Wanderer, erstmals einen Ausflug zu dem 1042 Meter hohen Berg. Der Club ließ daraufhin den 17 Meter hohen Aussichtsturm bauen, der allerdings schon nach zehn Jahren sanierungsbedürftig war. Grund dafür war der Ansturm von Besuchern, dem der hölzerne Turm nicht standhalten konnte. Dass neben dem Turm auch noch die grauen Militärgebäude aus jüngerer Zeit erhalten geblieben sind, stößt bei vielen Besuchern auf Kritik. So auch bei Jens Trümper:

„Immer wenn ich auf dem Čerchov bin, registriere ich mit großem Bedauern, dass diese verwahrlosten Militärgebäude immer noch da oben stehen. Ich hätte den dringenden Wunsch, dass diese Gebäude abgerissen werden. Der Čerchov selbst ist wunderschön. Aber das ist so trostlos. Es wäre wirklich gut, wenn das verschwände.“

Für mehr Luft auf dem Berg

Seit Jahren schon wird an die Eigentümer appelliert, dass sich der Zustand auf dem Čerchov ändern müsse. Doch leider ohne Erfolg. Auch Sepp Schober hat eine Vorstellung davon, wie der Čerchov in Zukunft aussehen könnte:

„Das vernünftigste wäre, alle Gebäude, die aus der militärischen Zeit stammen, soweit das wirtschaftlich sinnvoll ist, abzureißen und den Platz hier freizuhalten. Der alte Turm ist ein Denkmal, der mit viel Geschichte behaftet ist. Es ist ganz klar, dass man den erhält. Es wäre außerdem vernünftig, eine halbwegs tragbare Gastronomie einzurichten. Man sieht jetzt an der Anzahl der Leute, dass das durchaus angenommen werden würde.“

Doch wie so oft steht die Frage im Raum, wer das Ganze finanzieren soll. Von Deutschland und Tschechien kann man in dieser Hinsicht nicht viel erwarten. Seit Jahren steht Entwicklung des Čerchovs still.

Sepp Schober hofft, dass sich der Zustand auf dem Čerchov bald verbessert. Er befürchtet, dass die Euphorie des Kennenlernens zwischen Tschechen und Deutschen immer weiter abnimmt. Dem sollte seiner Meinung nach in allen Bereichen bestmöglich entgegengewirkt werden. Schließlich habe die Mitte Europas so viel Interessantes zu bieten.

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 29.09.2017
 
 
 

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