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30 Jahre nach Mitterrand-Besuch: Botschaftsfrühstück ist heute Tradition

 
photo:  (radio.cz)
 

Die politische Wende 1989 in der damaligen Tschechoslowakei hatte ihre Vorboten. Das waren beispielsweise die Demonstrationen gegen das kommunistische Regime auf dem Prager Wenzelsplatz oder die unterstützende Einflussnahme aus Westeuropa. Zu Letzterem gehörte der denkwürdige Besuch des französischen Präsidenten François Mitterrand im Dezember 1988 in Prag. Denn das Staatsoberhaupt traf sich vor 30 Jahren auch mit einer Gruppe tschechoslowakischer Dissidenten.

 
 

François Mitterrand wurde am 8. Dezember 1988 mit militärischen Ehren auf der Prager Burg empfangen. Sein offizieller Gastgeber war der damalige kommunistische Präsident Gustav Husák. Doch der Sozialist aus Paris wäre nicht in die Tschechoslowakei gereist, hätte man ihm eine ganz bestimmte Bitte ausgeschlagen: Mitterrand wünschte sich auch ein Treffen mit Oppositionellen. Und das waren für ihn ausschließlich die Dissidenten der Bürgerrechtsbewegung Charta 77. Mit neun Dissidenten, unter ihnen Václav Havel, Jiří Dienstbier oder Karel Srp, traf sich Mitterrand einen Tag später zum Frühstück in der französischen Botschaft. Mit dabei war auch der langjährige Journalist und spätere Menschrechtsbeauftragte der tschechischen Regierung, Petr Uhl:

„Für uns war das eine großartige Unterstützung, denn er war das erste Staatsoberhaupt, das sich mit uns getroffen hat. Er hatte diese Begegnung zu einer klaren Bedingung für seinen Besuch gemacht. Wir haben mit ihm gefrühstückt und dabei solange diskutiert, dass sich sein Empfang bei Gustav Husák um eine halbe Stunde verzögert hat. Doch Husák wusste, dass er mit uns verhandelte.“

Dieses Treffen war nicht nur eine große Hilfe für die Gegner des damaligen Regimes, sondern offenbar auch ein Durchbruch in der öffentlichen Wahrnehmung ihrer Aktivitäten. So wurde der Frühstücksdialog sogar kurz in der kommunistischen Parteizeitung „Rudé Právo“ erwähnt. Und nur einen Tag später, am 10. Dezember, fand in Prag die erste Demonstration statt, die von den Politoberen – wenn auch zähneknirschend – genehmigt wurde. Es war eine Kundgebung zum Tag der Menschenrechte.

Aus dem Frühstück vor 30 Jahren ist mittlerweile eine tschechisch-französische Tradition geworden. Beide Länder veranstalten am Dienstag in ihren Botschaften rund um die Welt Frühstücke mit den dortigen Kämpfern für Menschenrechte und Demokratie. Man wolle so Dissidenten in Ländern unterstützen, die nicht frei seien, so Außenminister Tomáš Petříček (Sozialdemokraten) gegenüber Radio Prag:

„Der Schutz der Menschrechte ist seit den 1990er Jahren ein stabiler Faktor der tschechischen Außenpolitik. Auch in unserer aktuellen außenpolitischen Konzeption legen wir großen Wert auf die Unterstützung von Demokratie, Schutz der Menschenrechte, freie Medien und die Entwicklung einer funktionierenden Zivilgesellschaft in einer ganzen Reihe von Ländern, mit denen wir zusammenarbeiten. Meiner Meinung nach sollten wir unsere eigenen historischen Erfahrungen dazu nutzen, um dort zu helfen, wo Freiheit und Menschenwürde immer noch keine Selbstverständlichkeit sind.“

Als das Treffen der ehemaligen tschechoslowakischen Dissidenten mit François Mitterrand stattfand, sei er gerade einmal sieben Jahre alt gewesen, sagt Petříček. Als heutiger Außenminister aber hat er dazu eine klare Meinung:

„Das Treffen war sehr wichtig. Denn es war das erste Mal, dass sich das Staatsoberhaupt eines anderen Landes, in dem Fall Frankreich, mit tschechoslowakischen Dissidenten getroffen hat. Das war vor allem eine bedeutende Geste für die tschechische und slowakische Öffentlichkeit. Darüber wurde auch in der Tageszeitung ‚Rudé Právo‘ berichtet, und die Menschen in der Tschechoslowakei haben den Besuch von Mitterrand sehr aufmerksam verfolgt. Das Frühstück in der Botschaft war gewiss auch einer der Schritte, die uns bis hin zur Samtenen Revolution geführt haben.“

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 12.12.2018
 
 
 

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