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Schmutz und Spannung

 
photo:  (radio.cz)
 

In zwei Wochen kommt es zur Stichwahl um die tschechische Präsidentschaft. Beobachter erwarten einen harten Wahlkampf.

 
 

Kaum war am Samstag das Ergebnis klar, begann der Wahlkampf für die zweite Runde. Der Chemieprofessor Jiří Drahoš ist zwar in der ersten Runde mit 26,6 Prozent der Stimmen nur Zweiter hinter Amtsinhaber Miloš Zeman geworden. Aber die Mehrheit der anderen unterlegenen Kandidaten sprach dem Herausforderer ihre Unterstützung aus. So auch Michal Horáček, der über neun Prozent der Stimmen erreichte:

„Ich habe beispielsweise bis Ende Januar im ganzen Land Plakatwände gemietet. Diese stelle ich dem Team von Professor Drahoš kostenlos zur Verfügung. Ich will wirklich einen Wandel für das Land.“

In Tschechien wählen die Bürger seit 2013 ihren Präsidenten direkt. In der jetzigen ersten Runde siegte Zeman relativ deutlich, mit rund 38,6 Prozent der Stimmen. Er bekam danach aber nur von einem weiteren unterlegenen Kandidaten die Unterstützung zugesagt – vom fast abgeschlagenen Petr Hannig. Mehr wiegt da, dass Premier Andrej Babiš weiter hinter dem amtierenden Staatsoberhaupt steht. Wobei der Ano-Parteichef aber versuchte, Zeman zu belehren:

„Falls er erneut Präsident wird, sollte er deutlich erklären, dass er unser Land nicht nach Osten ausrichten will, was ihm immer wieder vorgeworfen wird. Er sollte sagen, dass er keine Orientierung nach Russland und China anstrebt, sondern es ihm bei seinem Engagement nur um die tschechischen Wirtschaftsinteressen geht.“

Außerdem forderte Babiš den Präsidenten auf, sich von umstrittenen Persönlichkeiten in seinem Team zu verabschieden. Beobachter sind sich jedoch einig, dass dies nur Wahlkampftaktik ist und Babiš keinesfalls eine Abkehr von Zeman plant.

Am 26. und 27. Januar findet die Stichwahl zum Staatspräsidenten statt. Nähme man die Stimmen aller unterlegenen Kandidaten, die nun Drahoš helfen wollen, zusammen, dann müsste der Herausforderer in der zweiten Runde den Amtsinhaber deutlich besiegen. Doch so einfach ist die Rechnung nicht, wie der Meinungsforscher Daniel Prokop vom Institut Median erläutert:

„Das größte Risiko für Jiří Drahoš besteht darin, dass die Wähler der weiteren Kandidaten in der Stichwahl nicht mehr zur Urne gehen könnten.“

Zeman wiederum scheint noch Mobilisierungspotenzial zu haben. Denn am höchsten lag die Wahlbeteiligung in Prag, einer Hochburg von Drahoš. In Miloš Zemans wahrscheinlichen Bastionen, wie zum Beispiel dem Kreis Böhmisch-Mährische Höhe, gaben hingegen nur relativ wenige Menschen ihre Stimmen ab.

Es kommt also auch auf den Wahlkampf in den kommenden Tagen an. Bisher hat Miloš Zeman an keiner einzigen öffentlichen Debatte mit seinen Herausforderern teilgenommen. Das ändert sich jetzt, wie der Amtsinhaber noch am Wahlabend sagte:

„Herr Drahoš hat gesagt, dass er von Angesicht zu Angesicht gegen mich antreten möchte. Ich komme seiner Bitte gerne nach.“

Im Laufe des Sonntags wurde klar, dass es zwei Fernsehdebatten werden sollen. Eine soll das öffentlich-rechtliche Tschechische Fernsehen übertragen, die andere der Privatsender TV Prima.

Viele Tschechen erinnern sich aber noch an den Wahlkampf zwischen Ex-Außenminister Karel Schwarzenberg und Zeman vor der Stichwahl im Jahr 2013. Er war vor allem von Seiten des späteren Siegers äußerst schmutzig geführt. Dazu Petr Honzejk, Kommentator der liberalen Tageszeitung Hospodářské noviny:

„Schon am Sonntag sind in den Sozialen Medien viele Angriffe auf Jiří Drahoš aufgetaucht. Da heißt es etwa, dass er Mitglied in einer Freimaurerloge wäre oder dass in islamischen Ländern sein Einzug in die zweite Runde der Wahlen gefeiert worden sei und weiterer Unsinn. Das ist wohl nur ein leichter Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird.“

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 15.01.2018
 
 
 

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