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Kultur

 

„Das Konzert in Prag spiegelt meine Wurzeln wider“

 
photo:  (radio.cz)
 

Der deutsche Dirigent Alexander Liebreich vor seinem ersten Konzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Prag

 
 

Herr Liebreich, Sie sind nach Prag gekommen, um Ihr erstes Konzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester zu dirigieren. Dieses wird im Rahmen des Echos des Deutsch-Tschechischen Kulturfrühlings 2017 ausgetragen, das war sozusagen ein Fest des grenzüberschreitenden Kulturaustausches. Sie haben sogar eine persönliche, eine biographische Beziehung zu Tschechien. Spiegelt sich diese auch in Ihrem Verhältnis zur tschechischen Musik wider?

„Ja, wenn man von der Biographie mit einem Land verbunden ist – mein Vater ist in Ústí nad Labem geboren, meine Großeltern väterlicherseits in Brno –, dann schaut man deutlich auf die Kultur des Nachbarn und denkt auch mit einer Herzenswärme an diese Kultur. Denn so einfach es klingen mag: Wenn meine Großmutter böhmische Knödel machte, war das für mich ein wichtiger Bezug. Vielleicht war tatsächlich das Essen wichtiger als die Musik in dieser Zeit, weil meine Eltern nicht aus einer Musikerfamilie stammten. Insofern war das böhmische und das mährische Essen für mich der erste Kulturbezug.“

Drückt sich dieser tschechisch-deutsche Akzent auch im Programm des am Sonntag anstehenden Konzerts aus?

„Ja. Das beginnt bei Brahms. Seine Musik ist mit einem unglaublichen Melos ausgestattet, dass ihn wie keinen anderen Komponist dicht an Dvořák rücken lässt. Und Pavel Haas: Seine Biographie ist ein bisschen auch die meiner Großeltern. Meine Urgroßmutter ist in Terezín / Theresienstadt umgekommen, der Rest der Familie wurde nach Auschwitz deportiert und hat das Schicksal erlitten, das auch Pavel Haas hatte. Und dass Schostakowitsch in seiner distanzierten Art, auch der Geschichte gegenüber, in einem System schreiben musste, von dem er sich persönlich distanzierte oder dennoch versuchte zu funktionieren, das ist ein wunderbarer Bogen. Aber für mich sind die Werke von allen Drein Meisterwerke – und das ist das Allerwichtigste: dass es gute Musik ist.“

Wie ist eigentlich Ihre Zusammenarbeit mit dem Prager Rundfunk-Sinfonieorchester zustandegekommen?

„Ich habe im vergangenen Jahr zum ersten Mal in der Tschechischen Republik dirigiert, das war in Brünn. Ich kannte ein bisschen schon die einzelnen Musiker, die hier in Prag sind. Vor anderthalb Jahren habe ich das das Violinkonzert von Alban Berg dirigiert, es war mein Abschlusskonzert beim Münchner Kammerorchester. Damals hat mich die Leitung vom Prager Rundfunk-Sinfonieorchester kontaktiert, ob ich denn Interesse hätte, ein Konzert zu dirigieren. Ich habe sofort zugesagt, weil es ein Stück meiner Wurzeln widerspiegelt, hier in einer Musikstadt zu sein, die neben Wien die vielleicht wichtigste Musikstadt der Welt ist.“

Planen Sie eine engere Zusammenarbeit mit den Radio-Symphonikern?

„Wenn diese Woche beide das Gefühl haben, dass wir gerne miteinander Musik machen, dann wäre es natürlich sein, dass man zusammen weitergeht. Dazu ist es wichtig, dass wir gute Konzerte. Denn es ist eine sehr intime Sache, miteinander zu musizieren. Man ist in den Proben sehr eng miteinander. Man lernt sich sehr schnell sehr gut kennen. Man muss jemanden nicht immer lieben, aber man muss Lust haben, mit dieser Person Zeit zu verbringen. Das gilt für das Orchester genauso wie für mich. Die Probe heute hat großen Spaß gemacht, ich freue mich daher auf morgen.“

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 27.10.2017
 
 
 

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