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Kultur

 

Die Poesie winterlicher Landschaften

 
photo:  (Robert Suk (Foto: Maria Hammerich-Maier))
 

Die oberfränkische Porzellanfabrik Rosenthal bringt jedes Jahr eine Weihnachtskollektion heraus. Die Kollektion umfasst Tafelgeschirr, aber auch verschiedene Accessoires wie Christbaumschmuck, Kerzenhalter oder Spieluhren. Dekoriert werden die Sammlerstücke jedes Jahr mit neuen Motiven. Seit 2018 entwirft die tschechische Künstlerin Renata Fučíková das Design für die Kollektion. Wie ist es zum Design „Renata“ gekommen? Und welche Motive sind darauf zu sehen?

 

Für die Illustratorin und Designerin Renata Fučíková war es eine gänzlich neue Aufgabe, die Weihnachtskollektion von Rosenthal zu gestalten. Erstmals hat die Prager Künstlerin nicht glatte Buchseiten, sondern dreidimensionale, gewölbte Gegenstände aus Porzellan dekoriert. Sie hat viel Zeit mit der Vorbereitung verbracht und so Manches dazugelernt:

„An der Kollektion, die jetzt auf den Markt gekommen ist, habe ich schon Anfang 2016 zu arbeiten begonnen. Zweieinhalb Jahre haben die Arbeiten gedauert. Und beide Seiten, ich und meine deutschen Kollegen von Rosenthal, haben dabei gelernt, einander zu verstehen und uns entgegenzukommen. Die Tschechen sind Meister der Improvisation. Wenn wir irgendwelche Weihnachtssachen machen, sind wir imstande, sie im November zu entwerfen, und im Dezember werden sie produziert. Bei Rosenthal beginne ich lange im Voraus. Und das ist für mich sehr angenehm, weil ich weiß, ich habe Zeit und die Möglichkeit, Fehler auszubessern, wenn es sein muss. Diese Gründlichkeit und Sorgfalt bei der Vorbereitung hat sich als großer Vorteil erwiesen.“

Über die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern von Rosenthal äußert sich Renata Fučíková sehr anerkennend. Die Umsetzung ihrer Entwürfe auf den Objekten sei vorzüglich gelungen. Die von ihr gestalteten Dinge aus Porzellan haben die verschiedensten Formen.

„Jede Kollektion umfasst rund 20 Objekte. Wir beginnen immer mit der Glocke. Die Glocke ist eine Art Aushängeschild der alljährlichen Weihnachtskollektion. Das Motiv, das auf die Glocke kommt, wiederholt sich auf anderen Produkten, wie den Espresso- oder Kaffeetassen. Dann gehört noch anderes Dekor dazu, wie eine Kugel, ein Zapfen, ein kleiner Stiefel oder verschiedene Sterne. Aber wir machen auch Kerzenhalter, eine kleine und eine große Dose für Bonbons und Backwerk und vieles anderes mehr“, so die 54-jährige Designerin.

Der Generationenwechsel

Entwickelt wurde die Weihnachtskollektion der bekannten Selber Porzellanfabrik bereits vor über 40 Jahren. Damals arbeitete man mit dem Dänen Ole Winther zusammen. Er hat sie all die Jahre gestaltet. Nun sei es jedoch Zeit für einen Wechsel gewesen, erzählt der Leiter des Design-Centers von Rosenthal, Robert Suk:

„Ole Winther wird nächstes Jahr 90 Jahre alt. Er hat von sich aus gesagt, dass er aus Altersgründen nicht mehr so zeichnen und malen kann, wie er es gerne möchte. Und er hat uns gebeten, einen Nachfolger zu suchen. Das ist wirklich eine sehr schwierige Aufgabe gewesen. Denn so naiv und einfach die Motive zunächst ausschauen mögen, so schwierig sind sie letztendlich in der konkreten Umsetzung.“

Erst nach langem Suchen in ganz Europa habe man Renata Fučiková gefunden. Die Künstlerin lehrt an der Fakultät für Kunst und Design der Westböhmischen Universität in Plzeň / Pilsen. Zudem arbeitet Fučiková mit vielen Verlagen zusammen. Sie hat zahlreiche Kinderbücher und populärwissenschaftliche Werke illustriert. Eines dieser Bücher habe schließlich den Ausschlag dafür gegeben, Renata Fučiková bei Rosenthal zu engagieren, erinnert sich Robert Suk. Als man ihre Bilder zu den Märchen von Hans Christian Andersen gesehen habe, sei klar gewesen: Das könnte die richtige Person für die Weihnachtskollektion sein.

„Wir haben dann Renata kontaktiert, denn wir wussten ja nicht, ob sie Interesse und Zeit hat. Das war alles ganz unkompliziert. Wir haben sehr schnell einen gemeinsamen Termin gefunden und uns hier in Selb getroffen, und es war fast so, als ob wir uns schon ewig gekannt hätten. Und ich sage mal: Die persönliche Nähe war schon von Vorteil. Es ist wichtig, dass man die Gedanken teilt und eine gemeinsame Sprache spricht. Denn Renata muss unsere Vorgaben schließlich umsetzen“, erzählt Suk.

Die kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen Böhmen und Franken hätten die Planung des neuen Designs sehr erleichtert, meint Robert Suk. Schließlich verbinde man hier wie dort mit dem Weihnachtsfest ähnliche Vorstellungen:

„Es gibt viele Überschneidungen zwischen Bayern und Tschechien. Ich komme ja selbst aus Tschechien, und da gab es genauso einen Christbaum und einen Karpfen wie hier in Bayern, wo traditionell zu Heiligabend in vielen Regionen ebenfalls Karpfen gegessen wird. Und diese kulturelle Nähe hat sich als absolut hilfreich erwiesen.“

Fantastische Handschrift

Daher verkaufe sich die Weihnachtskollektion gerade in den mitteleuropäischen Ländern am besten. Hier sei Weihnachten in erster Linie ein Fest der Kinder und der Freude. Diese Stimmung habe Ole Winther mit seinen Motiven eingefangen, und von seiner Nachfolgerin habe man sich gewünscht, dieselbe thematische Linie fortzusetzen. Gleichzeitig sollte Renata Fučíková aber auch ihren persönlichen Stil einbringen. Die Designerin habe diesen Balanceakt gut gemeistert, findet Suk:

„Sie hat eine absolut fantastische Handschrift. Ihre Figuren leben förmlich auf den einzelnen Stücken. Man hat das Gefühl, dass jede Situation, ob das nun auf dem Markt ist, wo Christstollen verkauft werden, oder auch die Figurengruppen auf der Spieluhr, lebensnah ist. Alle Motive sind so liebevoll umgesetzt, dass es einfach Spaß macht, die Dinge anzuschauen.“

Die Weihnachtskollektion von Rosenthal ist der Marke Hutschenreuther zugeordnet. Hutschenreuther ist – neben Thomas und Arzberg – eine der Marken für Porzellan, für die Rosenthal die Rechte besitzt. Das traditionsreiche Unternehmen, das 1879 von Philipp Rosenthal im oberfränkischen Selb gegründet wurde, hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert. 2009 wurde es an die Brüder Pierluigi und Franco Coppo verkauft. Seither gehört es als selbstständiges Unternehmen zur Arcturus Group. Rund 600 Mitarbeiter beschäftigt Rosenthal derzeit an den beiden oberfränkischen Standorten Selb und Speichersdorf, wo das Porzellan sämtlicher Marken hergestellt wird. Jede der Marken hat eine eigene Linie.

„Es gibt unterschiedliche Marken, und jede ist anders positioniert. Wir müssen daher auch schauen, für welche Marke wir etwas entwickeln wollen. Wir fangen stets mit einer Trendrecherche an: Was wird voraussichtlich in Zukunft im Hinblick auf Farbe, auf Gestaltung und Form interessant werden? Wo wird die Nachfrage liegen? Das sind so die ersten Schritte“, erklärt der Leiter des Design-Centers.

Die Marke Hutschenreuther wird mit Porzellan für behaglichen Genuss und eine entspannte Auszeit verbunden. Die Weihnachtskollektion 2018 steht unter dem Motto „Winterfreuden“. Das brachte Renata Fučíková auf den Einfall, Freude durch Bewegung und Sport darzustellen:

„Auf das Thema Bewegung und Sport haben wir uns sehr rasch und spontan geeinigt. Die Figuren müssen sich aber irgendwo bewegen. Und Wintersport wird im Freien betrieben. Also habe ich mir die wunderbare Eigenschaft des Porzellans, dass es weiß ist wie Schnee und Eis, zunutze gemacht. Und so bewegen sich meine Figuren über das weiße Porzellan, als ob sie zum Beispiel auf einem Teich eislaufen würden. Aber auch an Stellen, an denen sich die Figuren nicht regen, gibt es Bewegung, weil um die stehende Figur herum zum Beispiel Schneeflocken schweben oder ein Vogel vorbeifliegt. Immer spielt sich in der Landschaft etwas ab.“

Signiert ist die Kollektion „Winterfreuden“ einfach mit dem Namen „Renata“. Die Weihnachtsstücke von Rosenthal sind als Sammelobjekte konzipiert. Sammeln passe zu Weihnachten, findet Robert Suk:

„Ich glaube, jeder von uns sammelt irgendetwas. Besonders zu jährlich wiederkehrenden Festen wie Weihnachten herrscht bei den Kunden Interesse. Sie wollen dann ähnliche Dinge wie die, die sie vielleicht schon von den Großeltern oder den Eltern kennen, wieder aufleben lassen. Ich denke, auch die Erinnerung an die Kindheit trägt dazu bei, dass dieser Sammelgedanke aufkommt.“

Stücke für Sammler

Daher haben die Glocken und Zapfen, die Plätzchenteller und Tassen jedes Jahr andere Motive. Und Renata Fučíková denkt bereits über künftige Generationen der „Winterfreuden“ nach. Entwürfe der Kollektionen für 2019 und 2020 kann Robert Suk im Showroom von Rosenthal am Selber Firmensitz schon zeigen:

„Motive der ersten Kollektion waren Wintersportarten wie Schlittschuhlaufen, Schlittenfahren oder Schifahren, also Weihnachten draußen. Die zweite Kollektion ist Motiven vom Markt gewidmet, deswegen sind hier Marktstände oder singende Kinder vor dem Christbaum zu sehen. Derzeit arbeitet Renata bereits an ihrer dritten Kollektion. Diese wird alles darstellen, was zu Weihnachten im Haus passiert, vom Plätzchenbacken bis zum Herrichten von Geschenken.“

Bei der farblichen Gestaltung hat Renata Fučíková eine dezentere Sprache gewählt als ihr dänischer Vorgänger. Immer schwingt bei ihren Überlegungen die verschneite Winterlandschaft, aber auch der edle Stil von Rosenthal mit.

„Die Farbgebung und die Atmosphäre gehen von der weißen Farbe des Porzellans aus, aber auch von den goldenen Elementen, die Rosenthal auf dem Porzellan haben möchte. Das Gold drückt den wunderbaren Glanz des schönsten Festes des Jahres aus. Also mache ich zum Beispiel zwischen den Schneeflocken viele goldene Pünktchen und Sternchen. Das sind wirklich ganz kleine goldene Farbtupfer. Ich möchte, dass sie die Freude, die prickelnde Erwartung und das Glück darüber ausdrücken, dass die Familie zusammen ist. Ich habe diese Atmosphäre aber auch in die Landschaft gelegt. Dort findet man einsame kahle Bäume, doch zwischen ihnen spaziert ein Fuchs, oder es fliegen dort Krähen und Finken. Und auch Flocken schweben vom Himmel. Die Weihnachtsfreude erfasst also auch die Geschöpfe im Wald“, schildert die Designerin.

Die bevorzugten Objekte von Renata Fučíková sind Schüsseln und Teller. Auf deren großen Flächen könne sie ganz viele Motive unterbringen, erzählt sie begeistert:

„Sie stellen für mich eine Fläche dar, ähnlich wie eine Buchseite oder ein Blatt Papier. Mein absolutes Lieblingsstück ist der Plätzchenteller. Ich bilde darauf komplexe Szenen ab, und wenn die Kinder das aufessen, was ihnen die Mütter auf den Teller tun, kommt das zum Vorschein, was sich auf dem Teller abspielt. Bei meiner ersten Kollektion zeige ich Kinder, die auf einem Teich eislaufen. Manche lernen es erst, einige fallen hin, Buben spielen Eishockey, Mädchen üben Pirouetten.“

Solche bewegten Menschengruppen drückten die spezielle Poesie des mitteleuropäischen Weihnachtsfests aus, meint Renata Fučíková:

„Dieses Gewimmel von Gestalten zwischen den Häusern im Dorf oder auf dem Markt in der Stadt, die Kinder auf dem Teich, das ist die schöne visuelle Poesie, die die Welt von uns erwartet. So stellen sich auch die Japaner und die Chinesen Weihnachten vor. Das ist es eben, was wir Mitteleuropäer der Welt schenken können.“

 
 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 26.12.2018
 
 
 

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