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Jubiläum im Postmuseum: 200 Jahre Briefkästen

 
photo:  (Foto: Martina Schneibergová)
 

Vor 200 Jahren wurden auf dem Gebiet des heutigen Tschechiens die ersten Briefkästen installiert.

 
 

Vom Stadtbild sind sie nicht wegzudenken: Die hierzulande orangen Briefkästen findet man in jeder Gemeinde – auch wenn sie in den Zeiten von E-Mails und sozialen Netzwerken nicht mehr so viel genutzt werden wie früher. Der erste Briefkasten in den böhmischen Ländern wurde vor 200 Jahren installiert. Zu diesem Jubiläum wurde im Prager Postmuseum eine Ausstellung eröffnet.

Briefkästen aus Holz, Metall oder Kunststoff, alte Fotografien, Dokumente sowie Modelle von Kutschen und anderen Verkehrsmitteln, mit denen die Post zugestellt wurde. Dies alles wird in der neuesten Ausstellung im Prager Postmuseum gezeigt. Die ersten Briefkästen seien schon 1653 in Paris aufgestellt worden, erzählt Kurator Jan Kramář.

„Das war damals aber nur für kurze Zeit. Sieben Jahre später wurden die Briefkästen wieder entfernt. Es fehlte einfach an Interesse. 1705 wurden Briefkästen in Luxemburg eingeführt, 1762 folgte Spanien, 1766 Preußen. Die ersten Briefkästen in Österreich wurden einigen Archivdokumenten zufolge im Jahr 1785 aufgestellt, und zwar in Wien. Dies erfolgte auf Initiative der Wiener Kleinen Post. Nicht jeder durfte die Kästen jedoch benutzen, sie waren nur für privilegierte Personen und Institutionen bestimmt, die keine Postgebühr für die Zustellung der Briefe bezahlen mussten.“

Kleidertruhe als Briefkasten

Erst am 1. Juni 1817 wurden in allen Ländern der k. u. k. Monarchie Briefkästen eingeführt. Die einzige Ausnahme stellte das Königreich Lombardo-Venetien dar, das eine besondere Stellung hatte. Der älteste in den böhmischen Ländern erhaltene Briefkasten, der im Museum gezeigt wird, unterscheidet sich merklich von den heutigen orangenen Kästen. Der Kurator:

„Der Briefkasten wurde aus einer Holztruhe gebastelt. Sie wurde mit den österreichischen Staatsfarben gelb und schwarz angestrichen. Auf der vorderen Seite war die Information vermerkt, wann der Kasten geleert wird. Dieses historische Stück befand sich auf der Post in Jihlava. Ursprünglich war es eine Kleidertruhe. Auf anderen Postämtern wurde beispielsweise eine Geldbüchse in einen Briefkasten verwandelt. Es gab keine einheitliche Form. Man benutzte das, was gerade zur Verfügung stand.“

Auch noch in den folgenden Jahrzehnten werden in der Habsburger Monarchie Briefkästen verschiedener Art und Größe genutzt. Erst 1869 ändert sich das. Ein Erlass ordnet an, die Briefkästen einheitlich gelb und schwarz anzustreichen. Aber nicht nur das, sagt der Kurator.

„Zudem mussten die Kästen aus Blech sein und mit dem österreichischen Staatswappen sowie dem Symbol eines Briefes gekennzeichnet werden. Den Bewohnern sollte klar sein, wozu die Blechkästen dienen. Auch wenn es uns heute komisch vorkommt: Die Menschen haben es damals oft nicht gewusst. Es passierte, dass jemand Fundsachen in den Briefkasten warf, weil er ihn für eine Art Fundbüro hielt. Seit 1869 gab es also einheitliche Postbriefkästen. Das waren sogenannte Schlüsselkästen, die nach der Öffnung des Deckels geleert wurden.“

Schon 1817 war verankert worden, dass auf jedem Postamt ein Briefkasten sein sollte. Dieser durfte nicht draußen aufgestellt werden, sondern musste im Gebäude sein. Die Postangestellten sollten aufpassen, dass nichts aus dem Kasten gestohlen wurde und niemand ihn beschädigte.

Automatische Entleerung in eine Sammeltasche

Ab 1884 wurde in der k. u. k. Monarchie ein neuer Typ Briefkästen genutzt, den zuvor Theodor Maynz und C. O. Weber in Deutschland erfunden hatten. Die Kästen wurden nicht per Schlüssel verschlossen, sondern sie waren auch ohne Schlüssel automatisch gesperrt. Geleert wurden sie in eine Sammeltasche, die dann auf dem Postamt unter der Aufsicht anderer Postangestellten geöffnet wurde. 1892 baute Carl Paris, ein Beamter des österreichischen Handelsministeriums, diese „automatischen“ Briefkästen noch um. Jan Kramář:

„Diese Briefkästen waren sehr fest und solide gebaut. Benutzt wurden sie bis in die 1960er Jahre. Natürlich hatten sie dann eine andere Farbe, aber das System und die Form wurden bis dahin kaum abgewandelt.“

Nach der Gründung der Tschechoslowakei übernahm die neu entstandene tschechoslowakische Postverwaltung sämtliche österreichischen Briefkästen – aus Kostengründen:

„Die Postverwaltung ließ sie einfach in den tschechoslowakischen Staatsfarben übermalen. Die tschechoslowakischen Briefkästen waren größtenteils blau mit roten und weißen Strichen. Der böhmische Löwe ersetzte auf den Kästen den österreichischen Adler. Auf einem Bild in der Ausstellung wird genau gezeigt, wie ein Postangestellter den Briefkasten in die Sammeltasche leert.“

Antonín Zemánek, ein Mitarbeiter der tschechoslowakischen Post, erfand 1936 ein neues System für die Briefkastenleerung. Dieses wurde zwar vom älteren Paris-System abgeleitet, doch es gab gewisse Unterschiede im Mechanismus.

In Orange und mit geflügeltem Pfeil

Im Frühjahr 1963 wurden die bis heute verwendeten orangen Briefkästen in der Tschechoslowakei eingeführt. Die Post begann damals, neue Farben und ein neues Logo zu nutzen. Jan Kramář:

„Das Staatswappen verschwand von den Briefkästen, es wurde durch das Logo der tschechoslowakischen Post und Kommunikationen ersetzt – ein geflügelter Pfeil, der die Erde umkreist. Damals wurden auch alle alten Briefkästen orange gestrichen. In den 1960er Jahre entwarf der Konstrukteur Stanislav Zikl einen neuen Briefkastentyp mit abgerundeten Ecken. 1967 wurden die sogenannten ,universellen‘ Briefkästen eingeführt. Diese sollten allmählich alle inzwischen überholten Briefkästen ersetzen. Ende der 1980er Jahre wurden wieder neue Briefkästen eingeführt, und zwar mit einem Glaslaminat-Kern.“

1984 gab es in der Tschechoslowakei mehr als 36.000 Briefkästen, 8000 davon befanden sich in der Slowakei. Seitdem sei die Zahl beständig gesunken und werde auch weiterhin sinken, meint Jan Kramář.

„Immer noch befinden sich hierzulande jedoch verhältnismäßig viele Briefkästen. Die tschechische Behörde für Telekommunikation legt nämlich fest, wie viele es pro Einwohner sein müssen und in welcher Entfernung sie voneinander platziert werden sollen. Solange die Menschen Briefe schicken werden, wird es die Briefkästen auch geben. Sollten aber nur noch Mails genutzt werden, werden sie allmählich verschwinden. Denn die Briefkästen müssen in Stand gehalten, eventuell ausgewechselt und natürlich auch geleert werden. Dies alles kostet viel Geld.“


Die Ausstellung heißt „200 Jahre Briefkästen“ und ist im Postmuseum zu sehen, und zwar bis 25. Februar. Das Museum befindet sich in der Straße Nové Mlýny im ersten Prager Stadtbezirk. Es ist täglich außer montags von 9 bis 17 Uhr geöffnet.

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 27.10.2017
 
 
 

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