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Vergangenheit und Rechtsprechung

 
photo:  (radio.cz)
 

Franz Murer war im Zweiten Weltkrieg berüchtigt als der „Schlächter von Wilna“. Der Österreicher misshandelte und ermordete jüdische Bewohner des Ghettos der Stadt. Trotz erdrückender Beweislage wurde Murer 1963 in einem Prozess in Graz freigesprochen. Christian Frosch hat das Thema aufgegriffen und daraus das Gerichtsdrama "Murer - Anatomie eines Prozesses" gemacht. Beim Filmfest in Prag hat der österreichische Regisseur sein neuestes Werk nun vorgestellt.

 

Der Film spielt zum Großteil direkt im Gerichtssaal und in angrenzenden Räumen. Graz, 1963. Der Landwirt, frühere NSDAP-Funktionär und angesehene Lokalpolitiker Franz Murer muss sich vor einem Geschworenengericht verantworten. Die Zeugen sind ehemalige Bewohner des Ghettos in Vilnius. Sie haben teils mit eigenen Augen gesehen, wie Murer Menschen erschossen hat, und schildern dies im Gerichtssaal. Der Angeklagte leugnet alles und wird freigesprochen. Das Urteil wird zu einem der größten Justizskandale im Nachkriegs-Österreich.

Zwar ist der Fall 55 Jahre her, doch er hallt bis heute nach.

„Wenn man historischen Stoff verarbeitet, dann geschieht das immer, weil man auch etwas über die Gegenwart sagen will“, sagt Regisseur Christian Frosch.

So sei die Debatte über die nationalsozialistische Vergangenheit in Österreich weiterhin sehr aktuell:

„Als der Film herauskam, gab es gerade eine Affäre um Nazi-Texte, die in einem Liederbuch aufgetaucht sind. Er hat also sofort in die Gegenwart und in die aktuelle Politik hineingewirkt. Es ist schon unglaublich, wie lange diese Geschichten her sind und wie unmittelbar sie in die Gegenwart hineinspielen.“

Im heutigen Tschechien geht es im Vergleich zu Österreich allerdings nicht so sehr um die Zeit des Nationalsozialismus. Aufgearbeitet werden müssen vor allem die gut 40 Jahre kommunistisches Regime. Hat der Film in dieser Hinsicht eine allgemeinere Botschaft? Christian Frosch wägt ab:

„Naja, es ist – glaube ich – schon ein Film generell darüber, wie Justiz funktioniert, wenn sie nicht funktionieren soll. Wenn politische Interessen und Rechtsprechung zusammenwirken. Und das hat man natürlich in der Gegenwart auch. Justiz ist nicht der freie Raum, in dem Gerechtigkeit erklärt wird und stattfindet, sondern sie ist immer auch von politischen und gesellschaftlichen Parametern abhängig.“

In Prag war „Murer – Anatomie eines Prozesses“ zweimal zu sehen. Beim Filmfest wird der Streifen aber noch einmal gezeigt, und zwar in Brünn / Brno. Leider dann ohne den Regisseur. Dabei hat Christian Frosch durchaus Beziehungen zu Tschechien. Allein schon, weil er aus Waidhofen an der Thaya stammt.

„Ich bin fünf Kilometer vom damaligen Eisernen Vorhang aufgewachsen. Man konnte diese Grenze aber nicht so leicht überschreiten, dazu musste man erst nach Wien fahren. Deswegen ist es selbst heute noch wie ein kleines Wunder für mich, da hinüber zu können. Auch wenn das vielleicht banal klingt, nach so vielen Jahrzehnten: Es ist zumindest sehr speziell für mich. Da merkt man dann, wie ähnlich die Orte von der Architektur und der Anlage her sind. Die tschechischen sind allerdings viel schöner, weil sie diesen ‚grauenhaften 1970er-Jahre-Eternit-Scheiß‘ nicht mitgemacht haben. Da sie mittlerweile restauriert sind, sehen sie sogar besser und reicher aus als die österreichischen Orte. Das ist ein schöner Nebeneffekt.“

Aber Christian Frosch hat auch einen direkten Bezug zum Nachbarland. Denn sein Vater stammt aus einer sudetendeutschen Familie, dieser hat als kleiner Junge die Vertreibung miterlebt. Und dieser Aspekt führe wieder zurück zu seinem Film, betont der Regisseur:

Beim Filmfest in Brünn läuft „Murer – Anatomie eines Prozesses“ am Dienstag, 30. Oktober. Und zwar im Kinosaal des Místodržitelský palác.

„Ich kenne die Opfergeschichten der Vertriebenen sehr gut, ich habe sie als Kind mitbekommen. Nimmt man die Täterseite bei den Sudetendeutschen, dann gelangt man zur Opfer-Täter-Umkehrung. Und darum geht es auch in dem Film: wie Geschichte manipuliert oder nur ein Aspekt gesehen wird.“

 
 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 22.10.2018
 
 
 

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