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„Übergänge – Přechody“: Kunst überwindet Grenzen

 
photo:  (Natalja Gorbanewskaja (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag))
 

In den Städten Gmünd und České Velenice an der österreichisch-tschechischen Grenze wird am Donnerstag das internationale Kunstfestival „Übergänge – Přechody“ eröffnet. Für vier Tage verwandelt sich die „Doppelstadt“ in einen grenzen-losen Festival-Raum mit Kino- und Theateraufführungen, Konzerten, Tanzperformances und Ausstellungen.

 

Das Kunstfest „Übergänge – Přechody“ findet an einem äußerst symbolträchtigen Ort statt. Denn Gmünd und České Velenice waren ursprünglich eine Stadt. Im Mikrokosmos dieser „Doppelstadt“ spiegeln sich die großen Ereignisse der europäischen Geschichte im Kleinen wider. Festivalinitiator ist der Historiker Thomas Samhaber. Er skizziert die wechselhaften Entwicklungen:

„Das Festival ist an einem der interessantesten Punkte Europas. Man kann es sich im Eilzugtempo vielleicht so vorstellen: Ein mittelalterliches Städtchen, wie die meisten hier im Waldviertel um 1200 gegründet, in der Renaissance, durch die Grenznähe gut situiert, florierender Handel. Im Gegensatz zu anderen Städten versinkt es dann in der Zeit der Industrialisierung nicht in der Versenkung, denn die Franz-Josefs-Bahn wird gebaut. Diese sehr wichtige Bahnstrecke der Monarchie verbindet Wien mit Pilsen, Prag und Berlin und führt über Gmünd. Gmünd wird durch diese Eisenbahn eine große Stadt und ein wichtiger Arbeitgeber in der Region – und zwar in einem Siedlungsraum, in dem sich sowohl tschechisch- als auch deutschsprachige Bevölkerung bewegt. Gmünd hat mit diesem Bahnhof, der außerhalb der Stadt lag, ein neues Siedlungsgebiet erhalten, in dem sich mehrere tausend Menschen niederließen.“

Am Ende des Ersten Weltkriegs entstanden bei Gmünd ein großes Flüchtlingslager und ein Sanatorium. Aus dieser Infrastruktur entwickelte sich ein dritter Stadtteil. Als es dann um die Grenzziehung zwischen den neu entstandenen Nationalstaaten ging, wurde die Stadt geteilt:

„Es gab eigentlich nur wenige Grenzveränderung: Fast überall wurde der fast tausend Jahre alte Grenzverlauf zwischen Niederösterreich und Böhmen übernommen. Nur ein paar Zugeständnisse wurden an die neue Tschechoslowakei gemacht. Das größte davon war hier im Gmünder Gebiet: Der Gmünder Bahnhof war damals für kurze Zeit der modernste Bahnhof der Monarchie und wurde mit dem zugehörigen Gebiet an die Tschechoslowakei abgetreten. Gmünd stand also plötzlich ohne Bahnhof da. Und als Franz Kafka und Milena Jesenská hier in Gmünd zusammenkamen – genau in der Mitte zwischen Wien und Prag –, haben sie sich am Bahnhof von Gmünd getroffen, also im heutigen České Velenice.“

Mit der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei nach dem Zweiten Weltkrieg und der anschließenden Abschottung während des Kalten Krieges wurde die neue-alte Staatsgrenze auch zur absoluten Sprachgrenze. Als die Grenze dann 1989 endlich wieder aufging, gab es keine Möglichkeit mehr zu kommunizieren, erinnert sich Thomas Samhaber:

„Als 1989 die Grenze aufgegangen ist, standen sich die Menschen gegenüber und hatten keine gemeinsame Sprache. Ich hatte null Ahnung von Tschechisch. Man wollte kommunizieren, aber konnte es nicht. Ein Freund von mir hat einmal ein paar Autostopper mitgenommen und zu uns eingeladen. Wir sind da gesessen und konnten uns nicht verständigen. Bis dann plötzlich einer mit einem Aha-Erlebnis aufgesprungen ist und aus seinem Rucksack eine Flasche Sekt geholt hat. Dann haben wir gemeinsam – und einander sehr gut verstehend, ohne das verbal ausdrücken zu können – Sekt getrunken.“

Sprachloser Austausch

Aus diesem Bedürfnis des Austausches entstand schließlich das Kunstfestival. Übergänge, Přechody, sollten geschaffen und ein permanenter Prozess der Verständigung eingeleitet werden. Mehr als 40 Veranstaltungen aus den verschiedensten Kunst- und Kultursparten finden in den kommenden vier Tagen auf beiden Seiten der Grenze statt. Apropos Grenze:

„2013 dachten wir schon, das Thema Grenze sei kein Thema mehr, das sei endlich erledigt! Und heute ist es leider aktueller denn je, sich von einander abzugrenzen und andere als minderwertig zu betrachten. Und wir haben große Angst, dass unwidersprochen Grenzzäune wieder hochgefahren werden und die Menschen sich in ihrem Denken, Handeln und Begegnen wieder begrenzen lassen.“

Mit dem Kunstfest „Übergänge – Přechody“ wollen die Co-Organisatoren Thomas und Brigitte Samhaber ganz klar ein Zeichen gegen Abgrenzung setzen. Ganz politisch ist auch der zweite Themenschwerpunkt des diesjährigen Festivals: Im Jubiläumsjahr 2018 darf die Auseinandersetzung mit 1968 nicht fehlen. Thomas Samhaber:

„Das war schon lang ein Wunschtraum, dieses magische Jahr 1968 einmal von beiden Seiten zu beleuchten. Denn 1968 bedeutet in der Tschechoslowakei das Ende eines Traumes, die Niederschlagung eines friedlichen Aufstands. Der Versuch, eine Utopie zu erschaffen und die Welt zu verändern, wurde mit Panzern und einem repressiven Regime beantwortet. Während es bei uns in Österreich die Achtundsechziger (oft über einen künstlerischen Weg) geschafft haben, die Gesellschaft nachhaltig zu verändern und positiv zu beeinflussen. Jetzt stellt sich die Frage: Brauchen wir heute ein neues 68 – fünfzig Jahre danach? Was heißt das heute? Haben wir noch die Kraft für Utopien? Haben wir den Mut und die Zuversicht? Haben wir überhaupt noch den Glauben, dass wir als Normalbürger eine Gesellschaft verändern können? Ist Kunst letztendlich nur noch eine Behübschung und ein Konsumgut, oder kann sie noch Horizonte erweitern? Diese Fragen wollen wir mit dem Festival bewusst stellen, das heißt man kann auch viel mit anderen reden und darüber diskutieren, wo es lang geht.“

Themenschwerpunkt 1968

Zum Themenschwerpunkt 1968 tritt unter anderem die legendäre tschechische Band „Plastic People of the Universe“ auf, es gibt eine Kino-Reihe mit Filmen des Regisseurs Miloš Forman, der wesentlich die „Neue Welle“ im tschechoslowakischen Film mitgeprägt hat, sowie eine Konferenz mit Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen. Und die südböhmische Theatergruppe Divadlo Continuo befasst sich ausgehend von einem Buch der russischen Dichterin und Dissidentin Natalja Gorbanewskaja mit einer faszinierenden Episode der jüngeren russischen Geschichte: Als im Jahr 1968 die Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei einmarschierten und die Reformbewegung des „Prager Frühlings“ niederschlugen, protestierten in Moskau acht Menschen gegen diesen Einmarsch. Unter ihnen war auch Natalja Gorbanewskaja, die in ihrem Buch „Mittag“ den Protest und die darauf folgenden Ereignisse dokumentierte. Acht Menschen demonstrierten fünf Minuten lang – dann wurde der Protest am Roten Platz in Moskau niedergeschlagen. Pavel Štourač ist Gründungsmitglied des Theaters Continuo und hat das aktuelle Stück „Mittag“ inszeniert.

„Fünf Minuten. Das war der phantastische Impuls, der uns inspiriert hat: Alle Beteiligten haben danach viele Jahre in Gefängnissen, Lagern oder Psychiatrien verbracht. Aber trotzdem haben alle danach gesagt: ‚Das war es wert. Diese paar Minuten Freiheit waren alles, was danach kam, wert.’ ‚Denn’, so sagten sie, ‚es war keine politische Demonstration, sondern eine Demonstration des Gewissens. Wir konnten als Bürger dieses Staates der Besetzung eines anderen souveränen Staates, der Tschechoslowakei, nicht zustimmen.’“

Schizophrenie und Wahrheit

Mit einem starken Fokus auf Körper und Bewegung und mit eigens für die Produktion komponierter Musik von Elia Moretti zeichnet die Aufführung des Divadlo Continuo nicht den Protest selbst nach, sondern die Entwicklungen, die auf diese fünf Minuten Freiheit folgten. Die Handlung folgt dabei dem Schicksal von Natalja Gorbanewskaja, die nicht gerichtlich verurteilt wurde. Stattdessen wurde sie auf Basis gefälschter ärztlicher Dokumente in die Psychiatrie eingewiesen und mehr als zwei Jahre stark medikamentös behandelt. Pavel Štourač:

„Die Symptome dieser Unterdrückung durch Medizin haben uns interessiert. Die Sprache, derer wir uns bedienen, wird im Theater des 21. Jahrhunderts als physisches Theater bezeichnet. Das bedeutet, dass alles mit dem Visuellen anfängt, damit, wie der Körper erzählen kann. Im Fall dieser Produktion machen wir auch dokumentarisches Theater. Wir arbeiten also mit Fragmenten zeithistorischer Dokumente aus dem Gerichtsprozess und den Zeitungen. Und uns hat dabei diese Schizophrenie im System interessiert: Eine Zeitung, die Prawda, also Wahrheit, heißt, lügt die ganze Zeit. Und der Großteil der Bevölkerung hat das als das offizielle Denken, die offizielle Linie akzeptiert. Gleichzeitig wurde das kritische Denken, das sich in dem Protest ausgedrückt hat – diese Wahrheit, die dort demonstriert wurde –, als Schizophrenie abgestempelt. Und uns hat eben diese Verdrehung von Schizophrenie und Wahrheit interessiert. Das ist dann auch der Rahmen der Inszenierung.“

Trotzdem bleibt die Inszenierung optimistisch, denn Pavel Štourač ist überzeugt, dass der Zerfall der Sowjetunion ohne diese Form des inneren Widerstandes nicht möglich gewesen wäre. Daraus ergibt sich dann auch die ungebrochene Aktualität des Stoffes:

„Die grundlegende Frage, vor allem in unserer heutigen Zeit, ist doch die folgende: Wir sind so passiv, wir akzeptieren alles, was passiert, obwohl wir es beeinflussen könnten. Uns droht keine Gefängnisstrafe, kein Gulag, aber wir empfinden die Demokratie als so selbstverständlich, dass wir gar nichts tun. Diese acht Personen wussten, dass sie mit dem Leben für ihren Protest bezahlen werden. Was wir bewundern und nicht verstehen können, ist das: welch große Courage das gewesen sein muss! Aber Gorbanewskaja sagt, dass es gar keine Courage, sondern eine egoistische Handlung war. Denn sie hätten nicht mit ihrem Gewissen leben können, hätten sie nichts getan. Und das ist jetzt die Frage: Wo sind solche Leute heute? Warum sind das nicht wir? Warum engagieren wir uns nicht für Lebensumstände, die wir schätzen, und für Werte, die wir vertreten? Warum empfinden wir das alles als so selbstverständlich?“

Verspätete Normalität

Trotz all dieser bedrückenden politischen Themen gibt es beim Festival „Übergänge – Přechody“ auch Grund für Optimismus. Das grenzüberschreitende Kunstfest findet seit dem EU-Beitritt Tschechiens im Jahr 2004 regelmäßig statt. Und in diesen 14 Jahren hat sich doch viel verändert, beobachtet Thomas Samhaber:

„Am Anfang hat sich das Publikum kaum vermischt. Zu Veranstaltungen, die in Tschechien stattgefunden haben, kamen immer maximal zehn Prozent Österreicher und zu Veranstaltungen in Österreich zehn Prozent Tschechen. Mittlerweile merkt man an diesen vier Tagen, was das Publikum betrifft, keinen Unterschied mehr zwischen Österreich und Tschechien – es handelt sich ja nur um ein paar Meter. Außerdem stelle ich fest, dass viele, die früher gesagt haben, dass sie sicherlich nicht über die Grenze führen, oder die einfach abwertend gesprochen haben, jetzt sagen: ‚Eigentlich ist es doch eine Schande, dass wir noch überhaupt kein Tschechisch können.’ Das Ganze hat also eine Breite bekommen. Ich halte es für sehr wichtig, dass jetzt – mit fünfundzwanzig Jahren Verspätung – langsam eine Normalität eintritt.“

Die achte Ausgabe des Kunstfests „Übergänge – Přechody“ wird am Donnerstagabend eröffnet und läuft bis einschließlich Sonntag in Gmünd und České Velenice.

 
 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 26.07.2018
 
 
 

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