HOMEPAGE

Kultur

 

„Wir wollen mehr internationale Aufmerksamkeit“

 
photo:  (radio.cz)
 

Die Oper des Prager Nationaltheaters und die Staatsoper haben ab nächster Spielzeit einen neuen künstlerischen Leiter: Per Boye Hansen. Zuvor war er Chef der Norwegischen Nationaloper in Oslo, künstlerischer Leiter der internationalen Musikfestspiele in Bergen und Operndirektor an der Komischen Oper Berlin. Die Prager Staatsoper erhält zudem einen neuen Musikdirektor. Den Posten übernimmt der ehemalige Musikdirektor der Norwegischen Nationaloper und derzeitige Musikdirektor der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Karl-Heinz Steffens. Per Boye Hansen und Karl-Heinz Steffens haben sich diese Woche im Prager Nationaltheater den Fragen von Journalisten gestellt.

 

Herr Boye Hansen, Sie haben gerade Ihre Pläne für die Oper des Nationaltheaters und die Staatsoper vorgestellt. Für die Aufführungen stehen den Ensembles drei historische Theatergebäude zur Verfügung: das Nationaltheater, das Ständetheater und die Staatsoper. Wird sich das Repertoire in diesen Theaterhäusern voneinander unterscheiden?

„Es ist wirklich ein Segen, drei historische Gebäude zur Verfügung zu haben. Jedes der Opernhäuser hat seine Geschichte. Die ,Goldene Kapelle‘, wie das Nationaltheater genannt wird, ist traditionell mit tschechischen Opern verbunden, und das muss auch so bleiben. Die Staatsoper hat eine phantastische Geschichte vor allem im deutschen und italienischen Fach. Wir werden das Opernhaus in dieser Richtung profilieren. Beim Ständetheater braucht man gar nicht zu überlegen, das Gebäude steht im Zeichen von Mozart. Es ist auch für die Barockoper sehr gut geeignet.“

Zum Repertoire des Nationaltheaters: Welche Opern sollen dort aufgeführt werden?

„Es gibt kaum ein Land auf der Welt mit relativ wenigen Einwohnern, das aber eine so phantastische Musiktradition hat. Smetana, Dvořák, Janáček – die haben diese Nation mitbegründet. Martinů darf auch nicht vergessen werden. Ihre Werke sind das Herzstück des Repertoires des Nationaltheaters. Die Opern von diesen Komponisten wollen wir in Neuinszenierungen aufführen.“

Rechnen Sie auch mit Koproduktionen?

„Ja, schon. Das ist heutzutage in der Welt üblich. Mit Opern, die sehr oft aufgeführt werden, ist es jedoch schwieriger. Aber ich bin bereits im Gespräch mit mehreren Opernhäusern, was die Koproduktionen anbelangt.“

Die Staatsoper hat ihren Sitz im Gebäude des früheren Neuen Deutschen Theaters. Dort wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts viele Gegenwartsopern gespielt. Wollen Sie auch Werke aus dem damaligen Repertoire inszenieren – wie Zemlinsky, Korngold, Schreker?

„Ja, bestimmt. Ich denke, dass sich die Staatsoper auf das große deutsche und italienische Repertoire konzentrieren wird – mit Wagner, Verdi und Puccini. Aber es sollen dort auch Opern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gespielt werden wie von Korngold oder Hindemith. Das Aufführen von zeitgenössischen Werken ist leider eher eine Seltenheit. Meine Vorgänger im Neuen Deutschen Theater haben damals sehr schnell Impulse von anderen Opernhäusern übernommen.“

Womit wird die Staatsoper, die momentan restauriert wird, kommendes Jahr feierlich wiedereröffnet?

„Bei einer Operngala am 5. Januar 2020 werden Melodien aus Opern erklingen, die in der Geschichte dieses Theaters eine wichtige Rolle gespielt haben. Wir möchten bei diesem Opernabend zudem zeigen, was wir in der nächsten Zukunft aufführen werden.“

Die erste Neuinszenierung in der Staatsoper werden Wagners Meistersänger von Nürnberg sein. Mit welchen Solisten oder mit welchem Hauptdarsteller rechnen Sie dafür?

„Wir haben den schwedischen Bariton John Lundgren für die Hauptpartie von Hans Sachs gewinnen können. Er tritt in allen großen Opernhäusern auf und hat vor kurzem den Wotan in Covent Garden und in Bayreuth gesungen. Die Meistersänger von Nürnberg war eine einfache Wahl, denn die Staatsoper – damals das Neue Deutsche Theater – wurde 1888 mit eben dieser Oper eröffnet.“

Sie wollen jedes Jahr Mitte Juni ein Opernfestival veranstalten. Wie werden Sie das Programm zusammenstellen?

„In den letzten zwei Wochen der Spielzeit möchte ich vor allem die Neuproduktionen zeigen, die wir während der Spielzeit aufgeführt haben. Das sind etwa acht oder neun Produktionen. Zudem möchte ich versuchen, Gastspiele aus dem Ausland zu holen. Das ist eine Frage des Geldes, aber wir arbeiten daran. Wir werden sehen, ob wir es verwirklichen können. Es ist aber wichtig, das Festival zu gründen, denn damit kann ein internationales Publikum sowie Musikkritiker aus dem Ausland erreicht werden. Innerhalb kurzer Zeit können sie sich eine Vorstellung davon machen, was hier gespielt wird.“

Wie lange haben Sie sich mit dem Theaterbetrieb in Prag bekannt gemacht?

„Ich bin zum ersten Mal im April vergangenen Jahres nach Prag gekommen und seitdem oft hier gewesen. Ich habe etwa 30 oder 35 Vorstellungen gesehen. Jetzt fange ich an, die Ensembles kennenzulernen.“

Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit den Chefs des Ballettensembles und des Schauspielensembles?

„Wunderbar. Mit dem Chef des Balletts, Filip Barankiewicz, stecke ich ein bisschen im gleichen Boot – als Ausländer, der hierhergekommen ist. Auch mit Daniel Špinar habe ich einen guten Dialog geführt.“

Welche Eindrücke haben Sie sonst?

„Tief beeindruckt bin ich vor allem von den drei Opernhäusern mit langer Geschichte. Das ist einmalig auf der Welt. Als ich zum ersten Mal im Ständetheater war und am Dirigentenpult stand, wo Mozart einst gestanden hat, konnte ich die Tränen nicht zurückhalten. Das war sehr bewegend.“

Sie haben gesagt, dass sie aus Prag eine Stadt machen möchten, die im Opernbereich zur Champions League gehört…

„Das ist eine absolut realistische Ambition. Wir sollten wirklich viel mehr internationale Aufmerksamkeit wecken. Dafür haben wir einen ambitionierten Plan zusammengestellt.“


Herr Steffens, was war der Hauptgrund für Ihre Entscheidung, nach Prag zu kommen?

„Ich habe vor vielen Jahren einmal Rafael Kubelík kennengelernt. Er hat so viel Leidenschaft und musikalische Überzeugungskraft ausgestrahlt. Dies hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Als ich gefragt wurde, ob ich in Prag arbeiten könnte, habe ich mich daran erinnert. Kubelíks Art des Musizierens hat mich immer fasziniert. Als der Name Prag erklang, klingelte es sozusagen in meinen Ohren und in meinem Herzen. Das war der Grund.“

Haben Sie sich schon einige der Opernvorstellungen angesehen?

„Ja. Ich habe fünf oder sechs Vorstellungen gesehen. Die Arbeit beginnt.“

Konkreter werden Sie vermutlich erst während der Spielzeit sein oder?

„Ich werde jetzt nicht sagen, was mir gefällt und was nicht. Ich merke, dass ein Repertoiretheater immer seine Vor- und Nachteile hat. Die Nachteile sind, dass die Vorstellungen manchmal nicht optimal geprobt sind, dass man stark fluktuierende Ensembles hat, dass die Orchester keine Zeit für die Vorbereitung haben. Ich denke, das werden wir ändern. Wir möchten das musikalische Niveau schlichtweg heben.“

 
 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 09.02.2019
 
 
 

Mehr zum Thema

 
Kultur
 
 

In Mähren gebaut: Schiffe für Game of...

Am Sonntag war es vorbei: beim US-Kabelsender HBO wurde die letzte Folge der Fantasy-Serie Game of...

 
 
Kultur
 
 

Die göttliche Musik des Il Boemo im...

Der tschechische Komponist Josef Mysliveček war zu Lebzeiten berühmter als Mozart. Trotzdem ist der große...

 
 
Kultur
 
 

Kunstmuseum Olmütz gewinnt...

Am Donnerstag wurden in Prag die besten Museumsprojekte des Jahres ausgezeichnet. In diesem Jahr gab es...

 
 
Kultur
 
 

Prager Opern-Premiere: Prokofjews...

„Die Liebe zu den drei Orangen“ gehört zu den erfolgreichsten Werken von Sergei Prokofjew. Im Prager...

 
Favoriten

Die Geschichte der bildenden Kunst

Was geschah in der bildenden Kunst am Wendepunkt der böhmischen Geschichte…

Klima

Tschechische Republik ist ein Binnenland, das in der milden Breite der…

Große Entdeckungen der Gegenwart

In den letzten Jahrzehnten wartete die tschechische Wissenschaft mit vielen…

Tschechisch

Tschechisch gehört zur Gruppe der westslawischen Sprachen. Aus einer anderen…

 
 

Facebook