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Fastentücher – religiöse Kunst des Verhüllens

 
photo:  (Marius Winzeler (Foto: Martina Schneibergová))
 

Von Aschermittwoch bis Karfreitag werden die Altäre in den Kirchen mit Fastentüchern verhüllt. In einigen Prager Kirchen gibt es zurzeit spezielle Installationen zu dem Thema, darunter in der Kirche der deutschsprachigen katholischen Pfarrei in Prag, Johannes Nepomuk am Felsen. Marius Winzeler leitet die Sammlungen alter Kunst der Prager Nationalgalerie. Der Kunsthistoriker aus der Schweiz hat in der Nepomuk-Kirche vor kurzem einen Vortrag gehalten über die Fastentuchtradition. Martina Schneibergová hat bei dieser Gelegenheit hat mit Winzeler gesprochen.

 

Herr Winzeler, wie ist der Fastentücher-Brauch entstanden?

„Dieser Brauch ist zwar erst seit dem Jahr 1000 belegt, aber es ist eine uralte Tradition. Auch in anderen Religionen ist es ein Zeichen der Würde, besonders heilige Gegenstände oder Gottesbilder zu verhüllen. Dass man im Mittelalter ein Tuch nahm, das hat sicherlich biblische Wurzeln. Man weiß zum Beispiel, dass es im großen Tempel von Jerusalem einen Vorhang gibt. Und denken wir auch an eine Parochet, die den Thoraschrein verhüllt – das ist im Prinzip das Gleiche. Ähnlichkeiten bestehen genauso in der Ostkirchentradition mit den Ikonostasen, den Bilderwänden, die vor dem eigentlichen priesterlichen Allerheiligsten angeordnet sind.“

Wie sahen die ersten Fastentücher aus, von denen wir wissen?

„Es gibt zum Beispiel in Zittau ein mittelalterliches Fastentuch. Zu dieser Zeit gehörte die Stadt aber nicht nur zur Oberlausitz sondern auch zum böhmischen Kronland und somit zum Erzbistum Prag.“

„Die ältesten erhaltenen Tücher aus dem 13. Jahrhundert sind weiße, fein gewebte Leinentücher. Wenn diese Tücher aufgehängt waren, konnte man noch leicht hindurchsehen. Aber es war trotzdem eine Hülle – so wie ein Priester in der Messfeier auch seine Hände verhüllt, wenn er den Kelch anfasst. Oder wie ein Brautschleier. So eine Verhüllung bringt zum Ausdruck, dass sich dahinter etwas verbirgt, was sehr kostbar ist.“

Waren diese Fastentücher schon bestickt oder anderweitig verziert?

„Die ersten Tücher wahrscheinlich nicht. Aber die ältesten Fastentücher aus dem 13./14. Jahrhundert, die sich in der Mark Brandenburg erhalten haben, waren dann schon bestickt. Zunächst hat man dafür aber auch weißes Garn benutzt. Man bestickte sie also mit Bildern, die man fast nicht sehen konnte.“

Sind solche Fastentücher auch in den böhmischen Ländern belegt?

„Das ist eine schwierige Sache. Wir wissen unter anderem aus Inventarverzeichnissen des Veitsdoms in Prag, dass es in den Kirchenschätzen ‚Vela‘ – Tücher – gegeben hat. Aber das wird nicht spezifiziert. Wir können aber davon ausgehen, dass es in den böhmischen wie in den meisten mittelalterlichen Kirchen Tücher gegeben hat, die für verschiedene Verhüllungen genutzt worden sind. Es gibt zum Beispiel in Zittau ein mittelalterliches Fastentuch. Zu dieser Zeit gehörte die Stadt aber nicht nur zur Oberlausitz sondern auch zum böhmischen Kronland und somit zum Erzbistum Prag. Daher kann man sicherlich davon ausgehen, dass es auch im restlichen Böhmen Fastentücher gab. Durch die Hussitenzeit sind jedoch die älteren Zeugnisse verschollen, und später ist dieser Brauch durch die reformatorischen Unruhen ganz verschwunden. Deswegen haben wir außer dem Tuch in Zittau kein einziges älteres Fastentuch aus Böhmen, das bekannt ist.“

Aus diesen weißen Tüchern haben sich aber farbenprächtige Fastentücher entwickelt, die ganze Bilderreihen darstellten. Wann ist es zu dieser Entwicklung gekommen?

„Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts fing das an. Neben der hussitischen Revolution gab es die Reformbewegung der ‚Devotio moderna‘. Diese neuen Frömmigkeitsformen spielten dabei eine große Rolle. Aber die Zeit war auch generell eine Zeit großen Bilderhungers. Die Kirchen wurden über und über bemalt und mit Altären und Bildwerken versehen. Da hat man das Verhüllen wohl auch neu verstanden und wollte Bilder schaffen, die andere Bilder verhängen. Man bemalte dann eben auch die Fastentücher. Für Böhmen wissen wir das nur in sehr beschränktem Maße. Aber in den österreichischen Ländern gibt es zahlreiche Fastentücher aus dieser Zeit – vor allem in Kärnten und in der Steiermark. Das sind monumentale Bilderbibeln, die dem Volk biblische Geschichten vor Augen geführt haben. Das war aber zeitlich beschränkt auf die Fastenzeit von Aschermittwoch bis Gründonnerstag, Karfreitag oder Ostersamstag. Und es hängt von den lokalen Gegebenheiten ab, wie lange die Fastentücher im Einsatz waren. Diese Bilderwände dienten auch dem Unterricht. Auf einem Fastentuch in Zittau stehen zu jedem Bild zwei gereimte Verse in Gedichtform, die in knapp die gesamte Bibel von der Erschaffung der Welt bis zum jüngsten Gericht erzählen. Diese Texte konnte man wunderbar für die Bildung des einfachen Volkes nutzen.“

Die meisten Leute konnten nicht lesen und schreiben, und die Fastentücher waren dann also so etwas wie Schautafeln?

„Bei der Schöpfungsgeschichte ist auf dem Fastentuch in Zittau zum Beispiel eine kleine Meerjungfrau bei den Fischen abgebildet.“

„Sie hatten tatsächlich den Charakter einer Schautafel. Und da sie sich eben auch wirklich an das Volk richteten, gibt es bei vielen Fastentüchern originelle Details. Bei der Schöpfungsgeschichte ist auf dem Fastentuch in Zittau zum Beispiel eine kleine Meerjungfrau bei den Fischen abgebildet. Es gibt auch eine Szene von der 40-tägigen Buße Jesu in der Wüste, bevor er getauft wird. Ihm erscheint da der Teufel als Franziskanermönch. Das war für das Volk ein kirchenkritisches Bildmotiv: ‚Sieh mal, der Wolf im Schafspelz.‘ Oder eben auch mal der Teufel in Gestalt eines Mönchs. Das waren Elemente, die die mittelalterlichen Menschen sicherlich erfreut haben und demnach volkstümlich gewesen sind. Auch dass in der Osterpredigt die Pfarrer zum Teil ganz derbe Witze gemacht haben, ist heute schon fast vergessen.“

Mit der Reformationszeit ging die Blütezeit der Fastentücher praktisch zu Ende. Kann man das so sagen?

„Zumindest eine erste Blütezeit, sagen wir mal so. Der Höhepunkt des Fastentuches war im künstlerischen Sinn schon das späte Mittelalter. Da entstanden die originellsten und bilderwirkungsvollsten Fastentücher. Aber damit endete der Brauch nicht.“

Erlebten die Fastentücher auch in den böhmischen Ländern eine weitere Blütezeit?

„In vielen Regionen gab es in der Barockzeit eine neue Blüte. Häufig wurden Tücher in dieser Zeit mit Darstellungen der Kreuzigung oder Passionsthemen verziert. Wir haben dazu aus den böhmischen Ländern leider auch kein direktes Beispiel. Aber aus Polen, Ungarn, Österreich, dem Alpenraum, Italien und Süddeutschland gibt es zahlreiche. Das größte Fastentuch überhaupt befindet sich im Münster von Freiburg im Breisgau. Es ist aus dem Jahr 1612 und 120 Quadratmeter groß. Abgebildet ist eine riesig große Kreuzigungsdarstellung, umgeben von weiteren Passionsbildern. Aber auch anderswo gibt es solche Tücher. Meistens sind sie allerdings nicht mehr so farbenfroh und vielfältig wie die mittelalterlichen Fastentücher. In den böhmischen Ländern ist sehr wahrscheinlich durch die Josephinische Zeit der Brauch abgeschafft worden. Seither sind die Tücher auch nicht mehr erhalten geblieben. Das hängt natürlich auch mit dem Material zusammen. Die Textilien sind empfindlich, und wenn man sie nicht sorgsam aufbewahrt, sind sie schnell von Motten und Mäusen zerfressen. Und das war ihnen wohl hier beschieden.“

„Das größte Fastentuch überhaupt befindet sich im Münster von Freiburg im Breisgau. Es ist aus dem Jahr 1612 und 120 Quadratmeter groß.“

Aber in modernerer Zeit wurde an einigen Orten der Brauch wiederbelebt...

„Glücklicherweise kam es in den späten 1970er, 1980er und 1990er Jahren zu einer Wiederbelebung – auch in der damaligen Tschechoslowakei. Ein Künstler ist dabei besonders zu nennen: der mährische Glas- und Kirchenmaler Karel Rechlík. Er hat viele Glasfenster geschaffen und auch eine Osterfahne für die Ignatius-Kirche am Karlsplatz in Prag bemalt. Das ist im Prinzip ein modernes Fastentuch, es nimmt diese alte Tradition auf. Und in den letzten Jahren ist insbesondere in der katholischen Universitätskirche St. Salvator in Prag eine ganz neue Blüte der Fastenkunst zu verzeichnen. Dort wird alljährlich in der Fastenzeit ein Kunstwerk gezeigt, das die Fastentuch-Tradition aufgreift, aber auch neu interpretiert. Die erste künstlerische Installation war 2012 ein riesiges weißes Tuch, das den ganzen Hochaltar und Altarraum verhüllte. Das Werk griff die Ursprünge des Fastentuch-Brauches ganz direkt auf. Seither gibt es dort alljährlich Installationen. Aktuell wird dort die Fasteninstallation des Brünner Grafikers und Typografen Robert V. Novák gezeigt. Er hat sich entschieden, einen Text über das Hochaltarbild laufen zu lassen. Das Hochaltarbild in der Salvatorkirche ist frisch restauriert, und es gibt jetzt einen Text, der ganz langsam, Buchstabe für Buchstabe auf diesen Hochaltar projiziert wird. Wenn man anderthalb Stunden in der Kirche sitzt, kann man eine ganze Gedichtstrophe lesen. Es wurde bewusst kein Text aus der Bibel ausgewählt, sondern eine Gedichtstrophe, die sowohl gläubige Inhalte vermittelt, aber auch profan verstanden werden kann. Es geht um Licht und Schatten, um Dinge, die also auch mit Transparenz, mit Raum und Göttlichkeit etwas zu tun haben können, aber nicht müssen. Das Wort enthüllt und verhüllt sozusagen.“

Wir stehen jetzt in der Kirche Johannes Nepomuk am Felsen. Auch hier befindet sich eine Kunstinstallation. Was hat es damit auf sich?

„Die Architektin und Künstlerin Sylva Pauli hat hier vor zwei Jahren zum ersten Mal eine Fastentuch-Installation entworfen. Es ist eine Verhüllung, die im barocken Sinn den Hochaltar mit einem weiteren Bild verhüllt, das sehr abstrakt ist. Ihr Werk damals hatte die Dreifaltigkeit zum Thema. Das passte auch sehr gut zu dem barocken Deckenbild darüber. Dieses Jahr ist es eine Installation aus Leinwandbahnen in starkem Rot mit zeichnerischen Elementen. Davor steht eine von einem Schüler des deutschen Gymnasiums geschaffene Plastik aus Pappmaschee, die einen Mann zeigt, der die Hände emporhebt. Und diese ganze Installation zusammen ist Jan Palach gewidmet. Ich finde das hier gerade an diesem Ort sehr interessant. Jan Palach als große Opferfigur, die für die Tragödie der jüngeren tschechischen Geschichte steht, verhüllt jetzt die Johannes-Nepomuk-Figur von Matthias Rauchmüller. Das stellt auch im historischen Sinne eine Überlagerung dar, die zur Reflexion Anlass gibt. Einerseits spielt das Werk mit dem Rot des Feuers, der Flammen. Andererseits steht dem das Blau des Wassers entgegen – des Wassers also, in dem Johannes Nepomuk seinen Tod gefunden hat.“


Am Karfreitag ist die Fasteninstallation über Jan Palach in der Kirche Johannes Nepomuk am Felsen zum letzten Mal zu sehen. Mit dem Kunstprojekt befasst sich auch eine zweisprachige Broschüre, die in der Kirche gratis ausliegt.

 
 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 18.04.2019
 
 
 

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