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Neue NO2-Messung: Droht Tschechien zu ersticken?

 
photo:  (radio.cz)
 

Web: Die Konzentration von Stickstoffdioxid scheint in tschechischen Städten höher zu sein als bisher angenommen. Das zeigen die Ergebnisse neuer Messungen. Durchgeführt wurden diese vom Prager Zentrum für Umwelt und Gesundheit in Zusammenarbeit mit der Deutschen Umwelthilfe. Die Abgase stammen vor allem vom Straßenverkehr, der für tschechische Städte immer mehr zum Problem wird.

 

Die Nord-Süd-Magistrale in Prag ist der Ort in Tschechien mit der schlechtesten Luft – besonders schlimm ist es an der Kreuzung der Straßen Sokolská und Ječná im zweiten Prager Stadtbezirk. Die Belastung mit Stickstoffdioxid, also NO2, liegt dort bei 78,4 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Der EU-Grenzwert – der an sich schon sehr großzügig ist – liegt eigentlich bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter.

Der neue Wert kommt von Messungen des Zentrums für Umwelt und Gesundheit in Prag und der Deutschen Umwelthilfe. Durchgeführt wurden diese an 200 Orten in ganz Tschechien. Und die Ergebnisse aus fast allen Großstädten des Landes sind alarmierend. Allein in Prag wurden die Grenzwerte an 32 von 45 Messstellen teils massiv überschritten. Ob man sich denn hierzulande überhaupt noch auf die Straße trauen kann, weiß Miroslav Šuta. Der Mediziner war an der Studie beteiligt:

„Ganz ist es ja nicht so, dass an allen 200 Sensoren die Grenzwerte überschritten wurden. Bei einem Drittel bewegte sich alles innerhalb der Norm, bei einem weiteren waren die Zahlen problematisch, und in einem letzten Drittel kann man von sehr schlechter Luft sprechen. Man muss dazu aber sagen, dass wir uns auf die meistbefahrenen Stellen im Land konzentriert haben. Wir wollten also kein Gesamtbild von Tschechien zeichnen. Es ging uns hauptsächlich um die Verkehrs-Hotspots in Tschechien.“

Höher als bei offiziellen Messungen

Tatsächlich sind die Werte der Messungen viel höher als die offiziellen Angaben der tschechischen Behörden. Die staatlichen Stellen haben laut Šuta im vergangenen Jahr nur an drei Orten problematische NO2-Konzentrationen festgestellt. Das liege vor allem daran, dass das staatliche Netz von Messstationen nicht sehr engmaschig sei und auch „saubere“ Orte miteinbeziehe, erläutert der Mediziner. Was haben die Beobachter vom Zentrum für Umwelt und Gesundheit in Prag und der Deutschen Umwelthilfe anders gemacht?

„Man kann nicht pauschal sagen, dass unsere Werte höher sind als die der staatlichen Behörden. Vielmehr haben wir auch Orte miteinbezogen, an denen keine offiziellen Messstellen existieren. Wir hatten unsere eigenen Geräte und haben außerdem zusätzliche Daten vom Hydrometeorlogischen Institut abgefragt. Mit unserer Arbeit haben wir eher etwas anderes nachgewiesen: Wenn man an zwei vielbefahrenen Orten in Prag misst, dann kann man davon ausgehen, dass es zehn oder zwanzig vergleichbare Stellen gibt. Wir waren jedoch ebenso dadurch eingeschränkt, dass wir nicht unendlich viele Sensoren hatten. Wir mussten unsere Messpunkte deshalb so auswählen, dass wir möglichst interessante und relevante Werte erhalten.“

Die Wissenschaftler haben bei der Wahl der Messorte auch die Öffentlichkeit gefragt. So konnten Privatleute Sensoren an ihren eigenen Balkonen befestigen oder Stellen angeben, an denen ihrer Meinung nach eine Messung sinnvoll wäre.

Alarmierend aber unzuverlässig?

Die Erhebung wurde im April dieses Jahres durchgeführt und dauerte vier Wochen. Dadurch steht natürlich die Frage im Raum, wie aussagekräftig die Zahlen sind.

„Aus unseren Daten geht nicht hervor, ob die jährlichen Limits überschritten wurden. Wir wissen aber, welche Witterungsbedingungen wir in dem Messzeitraum hatten – und die waren durchschnittlich bis überdurchschnittlich gut. Deshalb kann man von einer Sache ausgehen: Dort, wo die NO2-Werte zu diesem Zeitpunkt sehr hoch waren, werden mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Grenzwerte für das gesamte Jahr überschritten. Unsere Daten können zwar das offizielle Monitoring nicht ersetzen. Sie können aber darauf hinweisen, wo Probleme bestehen und weitere Messungen nötig sein könnten.“

Und diese sollen schon bald kommen. Immerhin hat die Deutsche Umwelthilfe eine weitere Unterstützung zugesichert für das Vorhaben des tschechischen Zentrums für Umwelt und Gesundheit:

„Unsere Partner von der Deutschen Umwelthilfe waren sehr beeindruckt von unseren Ergebnissen und sind zur Auswertung nach Tschechien gekommen. Die NGO koordiniert ein Projekt zur sogenannten Citizen Science, bei dem Menschen bei solchen Erhebungen eingespannt werden sollen. Deshalb haben wir nun weitere 200 Messgeräte bekommen, über deren sinnvollen Einsatz wir derzeit debattieren.“

Gefahren nicht nur für die Lunge

Stickstoffdioxid entsteht bei der Verbrennung vor allem in Dieselmotoren. Das Abgas gilt als gefährlich, und das nicht nur für Lungen und Kreislauf. Aktuelle Studien wollen belegen, dass NO2 auch ADHD, Depressionen und andere psychische Erkrankungen fördert. Laut Miroslav Šuta ist es kein Geheimnis, dass der Straßenverkehr mittlerweile zu den stärksten Umweltbelastungen in tschechischen Kommunen gehört:

„In den großen Städten hierzulande ist der Straßenverkehr tatsächlich die wichtigste Ursache für die Luftverschmutzung. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass Tschechien immer noch Gebiete mit hohem Industrieaufkommen hat, unter anderem die Region um Ostrau oder die Grenzgegend zu Sachsen in Nordböhmen. Vor allem in Kleinstädten und im ländlichen Raum werden auch in Zukunft veraltete Heizungen ein großes Problem sein. Das ist eine Herausforderung, der sich das Umweltministerium mittlerweile gestellt hat. Ein Instrument sind beispielsweise Fördergelder für moderne Heizkessel.“

Viele Städte in Europa haben Maßnahmen gegen Abgase auf ihrem Gebiet ergriffen, von Umweltzonen, über City-Mautsysteme bis hin zu Fahrverboten. Miroslav Šuta erklärt, wo man besonders fortschrittlich ist:

„Als Modellbeispiel können die skandinavischen Länder dienen. Ich war schon oft in Stockholm und verfolge die Entwicklung dort sehr aufmerksam. In den 1950er Jahren war die Lage in der schwedischen Hauptstadt genauso wie die in Prag damals. Mittlerweile ist Stockholm aber ein perfektes Beispiel dafür, wie man die Luftverschmutzung systematisch lösen kann. Außerdem arbeitet man immer weiter an einer Verbesserung des derzeitigen Zustands. Es gibt auch noch weitere Länder, die uns weit überholt haben. So zum Beispiel Deutschland mit seiner Förderung von Umweltzonen, Feinstaubfiltern und ähnlichen Maßnahmen.“

Fehlender Mut und mögliche Probleme aus dem Westen

In Prag und ganz Tschechien hinkt man jedoch weiterhin hinterher. Wobei die Hauptstadt eines der besten und günstigen Nahverkehrsnetze in Europa hat, was die Straßen eigentlich entlasten sollte. Dem Mediziner Šuta zufolge haben die Umweltprobleme auch ein bisschen etwas mit der Mentalität zu tun:

„Im Vergleich zu Deutschland ist Fahrradfahren in den tschechischen Städten nicht sehr beliebt. Abgesehen davon ist allein Prag nicht sehr fußgängerfreundlich, man kommt teilweise nur mühsam von einem Ort zum anderen. Außerdem gilt das Auto hierzulande immer noch als Symbol der Freiheit, denn im Kommunismus konnte sich nicht jeder eins leisten. Heute übertrifft Prag bei der Zahl von Pkw pro Kopf bei Weitem vergleichbare Städte im Westen. Sämtliche Politiker haben deshalb Angst, die Autofahrer auf irgendeine Weise in ihrer Freiheit zu beschneiden.“

Laut Šuta gibt es aber auch hierzulande Konzepte gegen die Umweltbelastungen in den Innenstädten. Im Prager Magistrat redet man schon lange über Umweltzonen und eine City-Maut. Für die Umsetzung fehlt bisher aber der Mut. Miroslav Šuta warnt aber noch vor einer anderen Sache: Gerade weil der Westen Dieselautos aus seinen Innenstädten verbannt, könnte die Luft im Osten schlechter werden.

„Tatsächlich ist es so, dass die Lösung für Westeuropa zu einem Problem für uns werden könnte. Zwar haben wir keine genauen Daten, wie viele Diesel-Gebrauchtwagen mit hohen Emissionswerten in der letzten Zeit aus Deutschland nach Tschechien exportiert wurden. Dafür gibt es aber Beobachtungen aus Polen. Viele deutsche Autofahrer bekommen ihre Diesel-Dreckschleuder über Zwischenhändler bei unseren nördlichen Nachbarn los. Wahrscheinlich wird Polen in ein paar Jahren vor derselben Aufgabe stehen, die Deutschland derzeit bewältigen muss.“

 
 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 11.07.2019
 
 
 

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