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Antisemitismusbericht Tschechien: Hetze im Internet steigt drastisch

 
photo:  („Marsch des guten Willens“ endet im Waldstein-Garten (Foto: Martina Schneibergová))
 

Die Prager jüdische Gemeinde gibt jährlich eine Untersuchung zum Antisemitismus in Tschechien heraus. Vor kurzem erschien der Bericht zum Jahr 2013. Generell fällt der Antisemitismus in Tschechien nur auf wenig fruchtbaren Boden. Im vergangenen Jahr haben jedoch im Internet die Beschimpfungen und Hasstriaden gegenüber Juden außergewöhnlich zugenommen.

 
 

Yom ha Shoah in Prag, am 28. April 2014. Etwa 500 Menschen ziehen bei schönstem Sonnenschein durch die Prager Joesefstadt / Josefov zur Kleinseite. Der „Marsch des guten Willens“ endet im Waldstein-Garten, wo eine Abschlusskundgebung stattfindet, unter dem Motto „Mit Kultur gegen Antisemitismus“. Die Teilnehmer sind eine bunte gesellschaftliche Mischung, unter ihnen gibt es aber auch recht viele junge Leute. Ein Student sagt:

„Ich bin gekommen, um meine Solidarität mit Israel auszudrücken. Das Land hat das Recht, frei zu agieren und darf nicht in seiner Souveränität eingeschränkt werden.“

Ein Stück weiter stehen zwei junge Frauen mit einer israelischen Fahne in der Hand:

„Wir kommen jedes Jahr, sowohl als Freunde des israelischen Staates, als auch als Anhänger von Anstand und Werten, die demokratische Staaten unterstützen müssen.“

Ihre Freundin fügt hinzu:

„Es ist immer wichtig, darauf aufmerksam zu machen, dass Antisemitismus und ganz allgemein Hass und Intoleranz aller Art gefährlich sind. Dies gilt insbesondere in Zeiten, in denen einige Menschen sich erdreisten, die Shoa zu verleugnen.“

Tschechien gilt als israelfreundlich und der Antisemitismus findet in der Öffentlichkeit wenig Zustimmung. Physische Übergriffe finden hierzulande sehr selten statt, erklärt die Vizevorsitzende der jüdischen Gemeinde, Eva Lorencová:

„Tätliche Angriffe haben wir im vergangenen Jahr maximal zehn registriert, da besteht sicher kein Problem. Ich will das nicht bagatellisieren, denn derjenige, der einen solchen Angriff erlebt, empfindet ihn natürlich als sehr schmerzhaft. Aber bei solchen Vorkommnissen sehen wir keine zunehmende Tendenz.“

Der Bericht verzeichnet für das Jahr 2013 auch nur drei Fälle von Sachbeschädigung. So wurde zum Beispiel an ein Einfamilienhaus in Prag ein Hakenkreuz geschmiert. In Teplice / Teplitz wurde in den Garten eines Hauses, in dem jüdische Gemeindemitglieder leben, Knallkörper geworfen. Die Täter riefen zudem noch Beleidigungen hinterher. Jakub Šváb ist Mitglied der jüdischen Gemeinde in Prag. Er beschreibt einige Formen von Antisemitismus in Tschechien:

„Man wird mit antisemitischen Äußerungen vor allem dann konfrontiert, wenn man sich öffentlich zu seinem Judentum bekennt. Natürlich existieren auch antisemitische Äußerungen, die nicht absichtlich sind und in bestimmten Teilen der Bevölkerung kodiert verbreitet werden. Wenn zum Beispiel ein Kind einem anderen sein Pausenbrot nicht geben will, nennt das Kind seinen Kameraden ‚Du Jude‘.“

Šváb ist 1994 aber in Prag auch einmal selbst Opfer eines Angriffs geworden, erzählt er:

„Als ich 18 Jahre alt war, wurde ich Zeuge eines antisemitischen Angriffs an der Altneusynagoge. Ich stand kurz nach dem Gottesdienst am Samstagabend vor der Synagoge, gemeinsam mit einem Freund und einer Dame. Dann liefen die Täter plötzlich um uns herum und redeten, und zum Schluss warfen sie einen Böller nach uns. Der Knall war so laut, dass die Straße gebebt hat.“

Jakub Šváb zeigte die Täter an. Diese riefen ihn dann zu Hause an und drohten ihm und seiner Familie. Für das Jahr 2013 listet der Bericht nur drei Bedrohungen auf. Eine davon passierte an derselben Stelle wie der oben beschriebene Zwischenfall, nämlich vor der Altneusynagoge in Prag. Häufiger waren dagegen Beschimpfungen per E-Mail, wobei die Zahl mit sechs Zuschriften immer noch sehr niedrig ist. Allgemein aber wird das Internet als Ort für antisemitische Beschimpfungen immer beliebter. Eva Lorencová:

„Am bedenklichsten ist der steile Anstieg antisemitischer Äußerungen dort. Die Zahlen haben sich fast verdoppelt, diesen Trend haben wir auch schon im Vorjahr festgestellt. Das ist keine vernachlässigbare Angelegenheit.“

Waren es zwischen 2008 und 2011 immer etwa 30 Fälle antijüdischer Hetze, die im Internet festgestellt wurden, stieg 2012 die Zahl auf 82 an. Im vergangenen Jahr waren es dann bereits 156 registrierte antisemitische Äußerungen. Petra Vejvodová ist Expertin für Extremismus an der Universität Brno / Brünn. Sie erklärt, wer hinter den Internetseiten und Kampagnen steckt.

„Eine Reihe dieser Hass-Äußerungen im Internet stammt von Menschen, die ihre wie auch immer gearteten negativen Erfahrungen loswerden wollen. Dann gibt es aber auch Menschen, die sich bemühen, mit ihren Aussagen andere Menschen zu erreichen und Sympathisanten zu gewinnen. Hier wirkt das Internet wie ein Mittel zur Mobilisierung. Die tschechische fremdenfeindliche oder besser rechtsextremistische Szene ist derzeit destabilisiert, im öffentlichen Bereich gelingt ihr nur wenig. Im Internet dagegen braucht man keine Organisation, dort reicht oft eine Einzelperson, die Hassreden in die Welt hinausposaunt.“

Neben der einfachen Möglichkeit zu mobilisieren, bietet das Internet den Extremisten aber auch Schutz, sagt Eva Lorencová:

„Das Problem ist, an diese Leute heranzukommen und antisemitische Kampagnen und Äußerungen wieder zu entfernen, denn viele dieser Seiten sind im Ausland registriert. Daher lassen sich die Sachen nicht löschen, und die Polizei kann nichts gegen die Hintermänner unternehmen.“

Das Vorgehen der Polizei gegen die Rechtsextremen wollte die Vizevorsitzende der jüdischen Gemeinde Prag nicht bewerten. Man arbeite aber eng mit den Behörden zusammen. Auch den kürzlich erfolgten Schlag der tschechischen Polizei gegen die aus Russland stammende Neonazi-Gruppe „Wotan-Jugend“ begrüßte sie. Die Extremismus-Expertin Vejvodová ist aber der Meinung, dass die rechtsextremistische Szene in Tschechien derzeit nicht besonders ausgeprägt sei:

„Die extremistische Szene in Tschechien scheint derzeit sehr instabil zu sein. Die konkreten Aktionen und Aufmärsche vor Ort sind eher gering besucht. Seit der Gründung der rechtsradikalen Arbeiterpartei (DSSS) sind zehn Jahre vergangen. Seitdem ist es der Szene aber nicht gelungen, jene Unterstützung durch die Massen zu erhalten, die sie sich wünscht.“

Größere Sorgen bereiten daher eher die in jüngster Zeit neu gegründeten Parteien, so Eva Lorencová von der jüdischen Gemeinde:

„Leider haben wir auch eine klare Durchdringung von neu entstandenen Parteien beobachtet, die immer mehr zum Mainstream werden. In diesen Parteien gibt es eine geringe Bereitschaft, die Hintergründe neuer Mitglieder zu klären. Das sind Menschen, die sich früher sehr aktiv in rassistischen Dingen engagiert haben und nun bei diesen neuen Parteien mitarbeiten. Das erscheint uns sehr gefährlich und ein gängiges Phänomen zu werden.“

Zwar entwickle sich auch in den neuen Parteien kein aktiver Antisemitismus, erklärt die Expertin weiter. Allerdings seien rassistische Äußerungen gegenüber anderen Minderheiten, vor allem gegenüber den Roma, dort weit verbreitet.

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 15.05.2014
 
 
 

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