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Vom Kaufrausch zur Konsumbrache – Shopping Malls in Tschechien

 
photo:  (Foto: Kristýna Maková)
 

Nach der Samtenen Revolution schossen in Tschechien überall Einkaufszentren wie Pilze aus dem Boden. Mittlerweile aber ist die Konsumbegeisterung abgeflaut. Laut der Immobilienberatungsfirma Cushman & Wakefield klagen ein Fünftel der tschechischen Malls über zu wenige Kunden und/oder zu wenige Mieter. Und immer mehr Städte leiden unter den Folgen dieses Niedergangs, wie zwei Beispiele stellvertretend zeigen.

 
 

Freitagnachmittag in der Isergebirgsstadt Liberec / Reichenberg. Träge stützt sich die Brunnenfigur Neptun auf ihren Dreizack und blickt auf den Beneš-Platz, genau gegenüber dem majestätischen Rathaus im Neo-Renaissance-Stil. Früher einmal strömten hier um diese Uhrzeit die Bürger von Liberec in Scharen vorbei - Sehen und Gesehen-Werden auf Liberec´ edelster Einkaufsstraße, der Pražská. Heute hasten nur wenige Fußgänger vorbei.

Ortswechsel: Mittwochmorgen in Plzeň / Pilsen. Der Platz der Republik sieht mondän aus mit den zuckergussbunten Renaissance-Häusern und der imposanten gotischen Kathedrale St. Batholomäus. Doch der riesige Vorplatz ist unbebaut und zugig, die vereinzelten Menschen überqueren ihn wie hektische Ameisen. Die Straße Americká ist hingegen das Herz der Stadt, hier pumpen sämtliche Oberbus-Linien durch. Überall stehen Menschen, Wartende - alle potentielle Kunden für eine lebendige Innenstadt. Aber die Auswahl an Geschäften ist bescheiden: Imbissbuden, zwei Bäckereien, mehrere Spielhallen und billige Vietnamesen-Shops.

Liberec, Pilsen, Ostrava / Ostrau, Olomouc / Olmütz – in immer mehr Städten verweisen die Geschäftsstraßen, und in den Einkaufszentren herrscht Leerstand. Doch was dagegen tun? Die einen sehen die Schuldigen in den vielen Einkaufszentren, die den Innenstädten die Kunden weglocken. Die anderen plädieren wiederum dafür, der sinkenden Konsumbegeisterung der Tschechen mit noch moderneren und größeren Einkaufszentren zu begegnen.

Zunächst schien das postsozialistische Tschechien nach der Samtenen Revolution einen beinahe unersättlichen Nachholbedarf zu haben. Irena Vostracká ist Leiterin des Amtes für Konzeption und Entwicklung der Stadt Pilsen:

„Was die Geschäfte angeht, durchlaufen wir seit 20 Jahren einen enormen Umwälzungsprozess. Wir müssen offenbar einfach das durchmachen, was im Westen schon viel früher geschehen ist. Wir sind eine Gesellschaft, die extrem kommerziell ist.“

Für ausländische Investoren bedeutete das in den 1990er Jahren eine große Chance. In sämtlichen kapitalistischen Ländern war der Markt längst saturiert. In Ländern wie Tschechien dagegen herrschte in den 90er Jahren akuter Mangel. 90 moderne EKZ gibt es derzeit in Tschechien, die größer als 5000 Quadratmeter sind und mindestens zehn Geschäfte haben. Das bedeutet eine Verkaufsfläche von über 2,2 Millionen Quadratmeter. Von diesen Zentren befinden sich 19 allein in Prag. Damit kommen in Prag auf 100 Einwohner 68 Quadratmeter Verkaufsfläche in Einkaufszentren. Zum Vergleich: In Berlin gibt es zwar 60 EKZ, diese bieten aber nur 37 Quadratmeter Verkaufsfläche pro 100 Einwohner. Jana Spilková lehrt Sozialgeographie und Regionalentwicklung an der Prager Karlsuniversität:

„Die ausländischen Ketten wollten angesichts der Entwicklung in den 1990ern auch ein Stück vom Kuchen haben und nutzten die damalige Unterversorgung des Marktes aus. Niemand untersuchte aber Angebot und Nachfrage, deshalb gab es keinen organischen Prozess. Es kamen einfach alle auf einen Schlag, all die Shopping Malls und Hypermärkte.“

In rapidem Tempo wurde aufgeholt, was im Westen Standard war. Dabei schossen die Investoren weit über das Ziel hinaus. Denn an Regulierung dachte damals niemand. In den Städten war man froh über jeden Investor, der indirekt einen Teil der Stadtplanung übernahm. Teilweise gab es überhaupt keine Flächennutzungspläne, die für eine ausgewogene Strukturierung von Geschäften, Industriegebieten, Freizeitangeboten und Parkanlagen gesorgt hätten. Teilweise haben die Stadtverwaltungen diese Pläne wiederholt kurzerhand geändert. Spilková kritisiert:

„Bis heute gibt es einfach überhaupt keine Kontrollen, keine Gesetze, niemanden, der das entscheidet. Darüber, was die Stadt bauen will, entscheidet die Stadt beziehungsweise entscheiden ihre Vertreter. Und sie verändern den Flächennutzungsplan je nachdem, was ihnen die Investoren bieten: nicht unbedingt Geld, vielleicht auch Gegenleistungen."

Mittlerweile ersticken viele Innenstädte regelrecht an den Einkaufsflächen. Nicht nur die EKZ kämpfen gegen den Leerstand, auch in den Geschäftsstraßen dominieren Billigstdiscounter wie Bankrot und Levné knihy (Billige Bücher).

„Man nennt das den Effekt der eingeschlagenen Fenster. Wenn einmal ein Geschäft pleitegegangen ist, gehen die Leute nicht mehr in das EKZ - und auch die umliegenden Geschäfte bekommen Probleme. Dann muss man sich etwas überlegen, um wieder Leute anzulocken“, sagt Spilková.

Im Rathaus von Liberec scheint man diesen Zusammenhang allerdings nicht zu fürchten. Der stellvertretende Bürgermeister Jiří Rutkovský ist mit dem derzeitigen Zustand der Innenstadt zufrieden:

„In den Einkaufszenten stehen einige Geschäfte leer, das bedeutet wohl, dass wir derzeit ausreichend Einkaufszentren haben. Und in der Pražská ulice sind auch zwei oder drei Geschäfte frei, das ist doch gut. Wenn sich ein Geschäftsmann überlegt, nach Liberec zu kommen, kann er wählen, ob er ein Geschäft im Zentrum oder eines in einer Shopping Mall mietet. Das ist der Idealzustand.“

Über soviel Hartleibigkeit kann Irena Kocumová nur den Kopf schütteln. 2009 sammelte sie Unterschriften gegen den Bau des Plaza Liberec, eines quadratisch-praktischen Klotzes mitten im historischen Zentrum. Es gab gleich mehrere rechtliche Argumente gegen den Bau. Dieser grenzt direkt an die historischen Bauten der Altstadt, und an dieser Stelle sah der Flächennutzungsplan ursprünglich eine Grünfläche vor. Kocumovás Initiative hatte dennoch keinen Erfolg.

„Es geht doch immer darum: Jedes Gesetz kann noch so gut sein, es braucht Menschen, die es durchsetzen. Oder es geht um die Kontrollmechanismen. Ich sage, es gab hier nicht den Willen, den Bau zu kontrollieren.“, sagt Kocumová.

Manche Leute sprechen sogar von Korruption. Zumindest bleibt schwer verständlich, warum die Stadt beim Verkauf der kommunalen Grundstücke nicht auf eine ausgewogenere Stadtentwicklung achtete. Irena Kocumová:

„Der Verkauf der städtischen Grundstücke war meist völlig unrentabel. Eine private Gesellschaft kaufte ein Grundstück als Park oder Acker. Dann wurde der Flächennutzungsplan geändert und dort eine Geschäftszone erlaubt. Dadurch hat die Stadt einige Milliarden Kronen verloren.“

Dem Bauwahn Einhalt geboten haben interessanterweise nicht die kritischen Bürger, sondern ausgerechnet der Betreiber des Einkaufszentrums Forum, die Firma Multi Development. Vier Einkaufszentren gibt es in der 100.000-Einwohner-Stadt, zwei davon droht der Bankrott. Trotzdem sollte gleich dem Forum gegenüber eine fünfte Mall entstehen. Als direkter Nachbar konnte Multi Development die Zustimmung zur Baugenehmigung verweigern. Und tatsächlich ließ die Firma den Bau stoppen, als gerade die Ausschachtungsarbeiten im Gange waren. Mitten im Zentrum der Stadt wuchern deshalb heute Unkraut und Büsche um eine Art See - die vollgelaufene Baugrube. Für die Verantwortlichen bei der Stadt hatte das Desaster keine Konsequenzen. Zwar verklagte die Entwicklerfirma ECE Tschechien auf 72 Millionen Euro Entschädigung gemäß dem tschechisch-deutschen Abkommen zum Investitionsschutz. Aber im Oktober 2013 lehnt das internationale Schiedsgericht in Paris diese Klage ab.

Eine riesige Konsumbrache zeugt auch in Pilsen davon, dass der Kaufrausch der Tschechen den Zenit längst überschritten hat. Auch hier gibt es zu viele Einkaufszentren. Hier aber wurden sie zudem noch an den Stadtrand gebaut, auf die sogenannte „grüne Wiese“. Freie Parkplätze, alle Geschäfte unter einem Dach und noch Restaurants und eine Kinderecke dazu – viele Pilsener haben sich daran gewähnt, mit dem Auto rauszufahren und dort für die ganze Woche einzukaufen. Immer weniger Kunden zog es in die Innenstadt, immer mehr Geschäfte gingen ein, Discounter rückten nach. Seit 1992 hat die liberal-konservative Demokratische Bürgerpartei (ODS) das Sagen in der Stadt. Sie hat die Krise verursacht – und versucht sie jetzt zu bekämpfen. Irena Vostracká vom Stadtplanungsamt glaubt, es brauche mehr Shopping Malls im Zentrum:

„Für uns ist nun die größte Frage, wie wir diese großen Einkaufszentren, die mittlerweile in den Außenbezirken entstanden sind, wieder ins Zentrum zurückbringen.“

Das aber sehen viele Pilsener anders. Als der Bau einer weiteren, 34.500 Quadratmeter großen Mall mitten im Zentrum am Ufer des Flüsschens Radbuza von der Stadt genehmigt wurde, setzten sich die Bürger zu Wehr. Sie organisierten im Januar 2013 ein Referendum. Über 35.500 Bürger stimmten dabei gegen den Bau des „Corso Americká“ - und der Investor Amadeus musste das Projekt stoppen. Martin Marek war der Kopf des Widerstands. Der 31-Jährige ist überzeugt, dass immer weniger Tschechen noch Lust haben auf die aggressive Marktwirtschaft der 90er Jahre:

„Ich glaube nicht, dass das einfach meine extreme Meinung ist. Die Pilsener haben in diesem Referendum nicht nur gegen dieses konkrete Einkaufszentrum gestimmt, sondern allgemein gegen die Politik, immer neue Einkaufsgalerien zu bauen. Die Stimmung war sehr aufgeladen: Wir haben genug von den Einkaufszentren.“

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 23.04.2014
 
 
 

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