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Wir kaufen einen Urwald – Umweltprojekt am Berg Ještěd

 
photo:  (Jeschkenkamm (Foto: Archiv Radio Prag))
 

Auf dem Kamm des Berges Ještěd / Jeschken nahe der nordböhmischen Kreisstadt Liberec / Reichenberg läuft schon seit Jahren ein ungewöhnliches Experiment: Die Umweltorganisation Čmelák (Hummel) kauft mit den Spenden von Bürgern nach und nach Waldstücke mit Fichtenmonokultur auf und pflanzt Laubbäume und Sträucher unter die Nadelbäume. So entsteht ein Mischwald, der zudem urwaldartig weiterwachsen soll. Obwohl der Prozess noch mehrere Jahrzehnte dauern wird, ist die Rückkehr von Wildnis und Vielfalt schon jetzt sichtbar.

 
 

Auf einer kleinen Waldlichtung, die Umweltschützer inmitten eines fast undurchdringlichen Fichtenwalds geschaffen haben, werden gerade kleine Bäumchen gesetzt. Teilnehmer einer Exkursion packen dort mit eigenen Händen an, sie hatten zuvor für die Entstehung des neuen Urwaldes gespendet. Diese Pflanzaktionen gibt es mehrere Male im Jahr, das Interesse ist groß. Das Setzgut besteht aus Buchen, Tannen, Ahorn, Eschen und weiteren Baumarten, die früher auf dem Jeschkenkamm wuchsen. Ihre Bestände sind aber praktisch alle abgeholzt worden. Und heute sind die Setzlinge nicht mehr einfach zu bekommen, die Umweltorganisation zieht sie deshalb in einer eigenen Baumschule auf. Jiří Antl betreut das Projekt seit dem Start im Jahr 1994:

„Damals tat sich eine Gruppe von Studenten zusammen, die mit dem Zustand der Wälder im Isergebirge nicht zufrieden waren. Die Baumbestände waren infolge der Luftverschmutzung und durch Borkenkäferangriffe stark beschädigt. Die Versuche einer Regeneration des Waldes scheiterten, weil Setzlinge von ursprünglichen, dem örtlichen Klima entsprechenden Baumarten angeblich nicht zur Verfügung standen. Wir entschlossen uns daher, die Wälder in der Region zu durchstreifen und die Samen selbst aufzusammeln. Dies war eine Sisyphusarbeit, aber schließlich konnten wir unsere eigene Baumschule gründen. Die Forste im Isergebirge sind jedoch fast alle staatlich und es erwies sich als schwierig, in die komplizierte Verwaltungsstruktur einzudringen. Die Zusammenarbeit mit privaten Eignern und den Gemeinden war hingegen viel einfacher. Letztlich erhielten wir die Möglichkeit, sehr preiswert ein erstes Waldstück hier in der Region zu kaufen.“

Mittlerweile besitzt die Organisation Čmelák insgesamt etwa 35 Hektar Wald. Denn viele ehemaligen Eigner erhielten nach der politischen Wende von 1989 ihre Waldstücke zurück, wollten sich aber oft nicht darum kümmern. Auch die Verpachtung war schwierig angesichts des teils geringen wirtschaftlichen Werts der Grundstücke. Zudem mangelte es an nutzbaren Waldwegen. Alle diese Nachteile waren jedoch für die Umweltschützer von Vorteil. Mehrere Restituenten stimmten den Zielen der Ökologen zu und boten diesen ihre Waldstücke an. So entstand die Idee des eigenen Naturschutzgebiets. Um die Kosten decken zu können, startete die Organisation eine spezielle Marketingaktion. Jiří Tutter ist der Leiter von Čmelák:

„Anfangs boten wir den Interessenten an, sich symbolisch ein Stück neuen Urwaldes kaufen zu können. Dafür bekamen sie eine schön ausgestaltete Urkunde mit ihrem Namen und dem Betrag, den sie gespendet haben. Die Urkunde war von uns auch als originelle Geschenkidee gedacht. Die Resonanz war sehr gut, und wir bekamen dadurch die Möglichkeit, das ganze Projekt zu starten. Der Verkauf von Urkunden läuft übrigens bis heute. In den letzten Jahren haben sich verstärkt Firmen gemeldet, die uns im Rahmen einer „Teambuilding“-Aktion bei der Aufforstung helfen wollen. Einige Gruppen kommen sogar regelmäßig und verbringen mehrere Tage bei uns. Deswegen geht es stetig voran, und der Monokulturwald verwandelt sich schrittweise in einen Mischwald.“

Die Exkursion an diesem Tag geht inzwischen weiter. Jiří Antl stellt gerade den Teilnehmern die Frage, was ihrer Meinung nach der gelbe Streifen am Stamm einer Fichte bedeute. Seine Kollegin übersetzt ins Deutsche, weil sich diesmal auch Gäste aus dem Nachbarland eingefunden haben. Der Streifen markiere die Eigentumsgrenze, erklärt Antl und weist auf eine umzäunte Waldlichtung hin, die sich auf dem Grundstück von Čmelák befindet. Sie ist mit etwa ein bis zwei Meter hohen Bäumchen bewachsen, im Schutz von ein paar älteren Fichten. Es sei wichtig, dass der neue Wald nicht nur artenreich, sondern auch altersbunt sei, betont der Umweltschützer. Daher werden die Bäumchen auch nicht auf einmal, sondern in gewissen Zeitabständen gesetzt. Solche kleinen Waldlichtungen, von Förstern „Augen“ genannt, seien die Keime des künftigen Urwaldes:

„In diese Augen setzen wir ausschließlich jene Baumarten, die der ursprünglichen Zusammensetzung des Waldes hier entsprechen und die aus dem genetischen Fonds dieser Region stammen. Es handelt sich überwiegend um Buchen und Tannen, die früher mehr als die Hälfte des Waldes bildeten. Der Rest bestand aus einer Mischung von rund 20 Baum- und Straucharten, von denen einige nur mit einem Prozent vertreten waren - aber sie erfüllten eine wichtige Funktion für die Stabilität des Waldes. Wir hoffen, dass es einmal wieder so sein wird. Am meisten fehlen derzeit Tannen. Ihr Anteil lag ursprünglich bei etwa 30 Prozent des Waldes. Heutzutage lassen sich auf dem ganzen Jeschkenkamm nur etwa 20 einzelne Tannen finden, und das etwa 15 Kilometer von hier entfernt.“

Die Flächen, die Čmelák bisher erworben hat, bilden noch kein zusammenhängendes Waldstück. Das liegt auch daran, wie die Verhandlungen mit den Eignern verlaufen und was die Finanzen der Umweltschützer hergeben. Das Ziel ist aber, die einzelnen Flächen künftig so zu vereinigen, dass der Urwald einen einheitlichen Komplex bilden kann. Immerhin ist es schon jetzt gelungen, die interessantesten Plätze durch einen Lehrpfad miteinander zu verbinden. An den Informationstafeln erfährt man nicht nur viel über das Urwaldprojekt, sondern auch über die historische Verwandlung des Jeschkenkamms. Die meisten Mischwälder wurden bereits im Mittelalter abgeholzt, um Platz zu schaffen für Felder und Weiden. An den Berghängen gab es auch zahlreiche kleine und große Häuser, wie Fotografien aus den 1930er Jahren beweisen. Nach der Vertreibung der deutschsprachigen Mehrheit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die brachliegenden Flächen mit Fichten aufgeforstet. Nur ein paar Plätze erinnern an die an die alte - und vielleicht auch künftige - Wildnis. Die meisten von ihnen besitzt Čmelák. Jiří Tutter:

„Wir stehen gerade an einer Umzäunung, die ein Gelände vor Wild schützt, aber den Besuchern an mehreren Stellen den Zugang ermöglicht. Wenn man diesen Wald betritt, ist man gleich von seiner Schönheit überwältigt. Hundertjährige Bäume stehen immer noch dort, andere sind teilweise umgeknickt. Darunter entsteht viel Jungholz, und der Boden ist mit buntem Kraut bedeckt. Das ist ein Riesenunterschied zur benachbarten Fichtenwüste. Dort stehen die Bäume in dichten Reihen wie mit einem Lineal gezogen, grüne Nadeln nur ganz oben und unten nur braune Dunkelheit, wo überhaupt nichts wächst. Die Fotos auf dieser Infotafel machen deutlich, was eine wirtschaftliche Monokultur ist, was ein Wald in der Übergangsphase und was ein Urwald, der hoffentlich einmal wieder hierher zurückkehrt.“

Jiří Tutter entspricht übrigens nicht der gängigen Vorstellung von einem Umweltaktivisten. Viele Jahre war er als Geschäftsmann tätig, unter anderem in mehreren asiatischen Ländern. Er hat Welt-Metropolen, Meeresküsten und auch den Dschungel gesehen. Einmal kehrte er an einen Ort auf der Insel Sumatra zurück, um noch ein Mal die Wildnis zu erleben, doch er war geschockt:

„Der Dschungel war verschwunden. Wohin ich die Augen auch wandte, weit und breit nur kahle Erde und Baumstümpfe, dazwischen lagen die Rohre von einem Erdölfeld. Damals habe ich begriffen, wie schrecklich wir Menschen mit dieser Erde umgehen. Mir wurde klar, dass es im Leben nicht nur um das Geschäft gehen darf, sondern auch um den Respekt gegenüber Umwelt und Menschen. Und nun, etwa zwanzig Jahre später, stehe ich erneut im Wald. Es ist zwar nicht der Dschungel, aber mein Gedanken ist der gleiche: einen Beitrag zur Verbesserung der Welt zu leisten.“

Jiří Tutter und seine Kollegen von Čmelák haben auch einen Traum: Sie wollen noch in ihrem Leben sehen, wie an den ersten von ihnen gesetzten Tannen Zapfen hängen und wie aus den Samen die zweite Generation der Bäume entsteht. Damit wäre die Idee von einem neuen Urwald definitiv als machbar bestätigt. Doch das kann noch mindestens 20 Jahre dauern.

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 29.05.2014
 
 
 

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