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99. Katholikentag in Regensburg baut Brücken zwischen Tschechen und Deutschen

 
photo:  (Illustrationsfoto: Archiv Radio Prag)
 

Zum 99. Mal wird am letzten Mai-Wochenende der deutsche Katholikentag stattfinden. In diesem Jahr kommen Zehntausende Menschen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen Staaten Europas und der Welt in Regensburg zusammen. Tschechische Christen sind beim Katholikentag diesmal besonders stark vertreten. Anlass für die gemeinsamen Veranstaltungen, Debatten, Gottesdienste und Gebete ist der 25. Jahrestag des Falls des Eisernen Vorhangs. In der Sendereihe Aviso wartet heute eine Sonderausgabe auf Sie.

 
 

Der Katholikentag findet vom 28. Mai bis 1. Juni in einer der ältesten Städte Deutschlands statt, in Regensburg. Eben dort liegen aber auch die Wurzeln des Christentums in den böhmischen Ländern. Im Jahr 845 ließen sich in Regensburg, das auf Tschechisch als Řezno bekannt ist, 14 böhmische Adelige taufen. Eine große Rolle spielte Regensburg für die Anfänge des böhmischen Staates, denn die böhmischen Länder gehörten damals der Regensburger Diözese an. Erst 973 wurde mit Zustimmung des Regensburger Bischofs das Bistum in Prag gegründet. 1158 wurde dann der böhmische König Vladislav II. in Regensburg gekrönt. Die dortige Donau-Brücke inspirierte ihn zum Bau der Judith-Brücke in Prag. Aber auch weitere Brücken in Böhmen, wie etwa in Písek, in Roudnice oder die Karlsbrücke in Prag wurden nach dem Regensburger Vorbild errichtet. Und Brücken sind auch das Motto des 99. Katholikentags. Der Regensburger Bischof, Pater Rudolf Vorderholzer, erklärt die Grundidee:

„Das Motto lautet ‚Mit Christus Brücken bauen‘ und spielt an die schöne Stadtansicht von Regensburg an, in der man die steinerne Brücke und im Hintergrund die Domtürme sieht. Die Brücke symbolisiert die Verbindung verschiedener Ufer, und die Türme, die zum Himmel weisen, zeigen: Wer sich bei Gott fest macht, der kann auch die Menschen zueinander führen.“

Es geht also um Brücken zu Gott, Brücken zwischen den Menschen, aber auch zwischen Nationen, zum Beispiel zwischen Tschechen und Deutschen.

„Das ist das große Anliegen. Wer katholisch ist, ist immer auch international. Der katholische Glaube ist das beste Heilmittel gegen alle nationalistische Verengung. Wer katholisch ist, ist nirgendwo ein Ausländer, ist nirgendwo fremd.“

Hauptthema des diesjährigen Katholikentags ist das 25. Jubiläum der samtenen Revolution, sagt der Bischof von Regensburg:

„Es ist eine besondere historische Situation, die wir in Erinnerung rufen wollen: 25 Jahre Überwindung des Eisernen Vorhangs. Wir kommen auch zusammen, um Gott zu danken für die Entwicklung der letzten 25 Jahre. Wir werden das Geschenk der Überwindung des Eisernen Vorhangs in der Wallfahrt nach Neukirchen beim Heiligen Blut auf besondere Weise darstellen und versuchen, die vielen Brücken, die zwischen unseren Völkern in den letzten Jahren schon geschlagen worden sind, noch zu vermehren, zu stärken und auf diese Weise zur Versöhnung beizutragen sowie auf eine gute gemeinsame Zukunft in Europa hinzuwirken.“

Der Wallfahrtsort Neukirchen beim Heiligen Blut spielt eine besondere Rolle in den böhmisch-bayerischen Beziehungen:

„Ja, es ist ein Brennpunkt auch der verschiedenen historischen Verletzungen und Entwicklungen. Umso mehr ist es jetzt ein Ort der Versöhnung, wo wir, Bischof František und ich, gemeinsam die Wallfahrt anführen werden. Wir wollen dort für den christlichen Glauben werben, ihn verkünden und deutlich machen, dass der christliche Glaube die Fundamente eines gemeinsamen Europas sichert, das christliche Menschenbild ist das beste Fundament für Frieden, Versöhnung und Zukunft.“

Der Bischof von Pilsen, František Radkovský, erinnert an die Entstehung des Wallfahrtsortes, an eine Tradition, die eigentlich nach Böhmen weist:

„Es gab eine etwa 70 Zentimeter hohe Holzstatue der Madonna mit Christkind aus Loučim. In den hussitischen Kriegen hat ein Hussit sie mit dem Säbel geschlagen und aus der Wunde auf ihrem Kopf ist Blut geflossen. Das war also tatsächlich ein Wunder. In der Zeit der hussitischen Kriege wurde die Statue nach Deutschland gebracht und verehrt. Dort entstand Neukirchen beim Heiligen Blut. Es war ein traditioneller Zielort der Pilger aus Tschechien, besonders aus der Gegend von Domažlice und Klatovy.“

Die Tradition der Wallfahrten nach Neukirchen beim Heiligen Blut ist sehr lang, so Bischof Vorderholzer:

„Sie geht schon über viele Jahrhunderte, ist dann in der kommunistischen Zeit unterbrochen worden und schließlich im Jahr 1990 unter dem besonderen Einsatz von Monsignore Sysel wiederbelebt worden. Ich habe daran eine besonders schöne Erinnerung: Sysel hat in der ersten Predigt in Neukirchen beim Heiligen Blut der Gottesmutter in den Mund gelegt: ‚Wo wart ihr so lange, liebe Pilger? Ich habe auf euch gewartet.‘ Und sie haben gerufen: ‚Hier sind wir wieder‘.“

Nach der Wende von 1989 haben sich die tschechisch-deutschen Treffen intensiviert, betont František Radkovský:

„Die gemeinsamen Wallfahrten existieren ja schon seit der Wende, seit 25 Jahren. Zuerst sind vertriebene Deutsche in ihre ursprünglichen Heimatsorte gekommen und haben dort manche Kirchen renoviert, ich schätze die Zahl auf ungefähr 40 bis 50 Kirchen in der Pilsner Diözese. Das war die erste Etappe. Die zweite war, dass sich die Leute auch gemeinsam getroffen haben. Ich habe das immer unterstützt, denn die Kirche ist weder tschechisch, noch deutsch. Es ist eine gemeinsame, katholische Kirche.“

Die zweisprachige Wallfahrt nach Neukirchen beim Heiligen Blut ist die bedeutendste tschechisch-deutsche Aktion des Katholikentags. Aber auch direkt in Regensburg werden viele Tschechen dabei sein. Von Donnerstag bis Samstag tauschen sich in so genannten Zentren und bei Podiumsdiskussionen Politiker, Wissenschaftler, Pädagogen, Geistliche und Künstler aus, um untereinander und mit den Gästen zu diskutieren. Vor allem im Zentrum Globale Verantwortung und Europäische Nachbarschaft werden viele Veranstaltungen den tschechisch-deutschen Beziehungen gewidmet sein. Unter dem Titel „Tschechen und Deutsche: was uns verbindet - was uns trennt“ wird auch der tschechische Kulturminister Daniel Herman sprechen. Der Präsident der Tschechischen Christlichen Akademie Tomáš Halík wird bei der Veranstaltung „Christsein im säkularisierten Umfeld“ über die kirchliche Situation in Tschechien berichten. „Vom Knastbruder zum Kardinal“ ist der Name eines biographischen Gesprächs mit dem Prager Erzbischof, Kardinal Dominik Duka. Auf der so genannten Katholikentagsmeile werden die Diözesen Plzeň / Pilsen und Litoměřice / Leitmeritz sowie die Tschechische Katholische Bischofskonferenz und die Prager Erzdiözese mit Informationsständen vertreten sein. Bischof Rudolf Vorderholzer:

„Im Programm, das insgesamt über tausend Punkten enthält, wird eine ganze Reihe von zweisprachigen, völkerverbindenden Veranstaltungen aufgeführt. Es ist eine erstaunlich große Anzahl zusammengekommen. Daneben freue ich mich persönlich ganz besonders, dass die Kinderoper Brundibár in Regensburg wieder aufgeführt wird, ein gemeinsames Projekt von Schülerinnen und Schülern aus Regensburg und aus Pilsen.“

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 08.05.2014
 
 
 

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