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Tschechien und die Klimaziele

 
photo:  (radio.cz)
 

Zwei Wochen lang haben Fachleute über die künftige Klimapolitik beraten. Im polnischen Katowice ging es vor allem darum, auf die immer dramatischeren Berichte über die Erderwärmung zu reagieren. Tschechien ist eines jener Länder, das die Einhaltung der Klimaziele garantiert hat. Doch das wird nicht reichen, wie der Gipfel vor Augen geführt hat. Was also nun?

 
 

Ein umfassendes Regelwerk zum Klimaschutz – das ist das Ergebnis des Weltklimagipfels in Polen. Es soll helfen, die Erderwärmung und ihre fatalen Folgen einzudämmen. Weltweit steigt die Häufigkeit von Dürren und Stürmen oder Starkregen und Überschwemmungen. Auch Tschechien hat das in vergangenen Jahren zu spüren bekommen.

Mit dem neuen, 130 Seiten starken Regelbuch sollen die Beschlüsse von Paris umgesetzt werden. Das dort 2015 verabschiedete Klimaabkommen gilt weiterhin als historisch. Vor drei Jahren hatten sich die knapp 200 Staaten erstmals auf ein gemeinsames Ziel geeinigt. Demnach soll die Erderwärmung auf unter zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit begrenzt werden. Schon jetzt hat sich unser Planet aber nach Befunden des Weltklimarats IPCC um etwa ein Grad erwärmt.

Pavel Zámyslický gehörte in Katowice der tschechischen Delegation an. Er leitet den Bereich „Energie und Klimaschutz“ am Umweltministerium in Prag:

„Die Klimaziele sind klar definiert. Wir kommen ihnen derzeit nach. In Katowice wurde aber nicht darüber verhandelt, ob einige Staaten ihre Verpflichtungen nicht erhöhen müssten. Das Ergebnis des Weltklimagipfels ist vielmehr eine Übersicht darüber, wie zu verfahren ist, um die gesteckten Ziele zu erreichen. So will man sich in wenigen Jahren wieder treffen und eine Bilanz ziehen, ob man auf Kurs liegt. Außerdem geht es um Regeln, an denen fest gemacht werden kann, ob die Klimaziele ausreichend sind oder nicht, um die Erderwärmung auf den angestrebten Wert von zwei Grad mehr zu begrenzen. Denn es bestehen Unterschiede, wie die reicheren und die ärmeren Staaten ihre CO2-Emissionen nachweisen. Hier in Tschechien haben wir dafür eine ziemlich genaue Methodik. In China, Indien oder Brasilien ist das aber anders. Diese Länder gehören zu einer Gruppe von 130 Staaten, die als Entwicklungsländer eingestuft werden.“

Fachleute zweifeln

Allerdings drängt die Zeit. Die Jahre 2015 bis 2018 waren nach Analysen der Weltwetterorganisation die vier wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen im 19. Jahrhundert. Und die 20 wärmsten lagen in den vergangenen 22 Jahren. Geht es weiter wie bisher, leben wir Ende dieses Jahrhunderts in einer gut drei Grad wärmeren Welt. Aber nicht nur das: Nach den neuesten Erkenntnissen reicht das Zwei-Grad-Ziel noch nicht einmal aus. Bedřich Moldan ist stellvertretender Leiter des Zentrums für Umweltfragen an der Prager Karlsuniversität. Im öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen erläuterte er:

„In dem Bericht, den der Weltklimarat im Oktober herausgegeben hat, heißt es, dass schon eine Erwärmung um zwei Grad katastrophale Folgen an unterschiedlichen Orten der Welt haben dürfte. Das ist eine der neuen Erkenntnisse: Der Klimawandel äußert sich schneller, als wir bisher gedacht haben.“

Und deswegen halten viele unabhängige Umweltexperten die Ergebnisse aus Katowice für ungenügend. Anna Kárníková hat ebenfalls an der Konferenz in Polen teilgenommen. Sie leitet das „Zentrum für Verkehr und Energie“, die NGO hat ihren Sitz in Prag. Kárníková verweist auf die Probleme, die bereits jetzt einige Inselstaaten zum Beispiel im Pazifik haben. Sie sind durch den Anstieg des Meeresspiegels unmittelbar bedroht.

„Diese Staaten haben sehr eindrücklich gefordert, die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen. Dabei bedeutet schon das für sie große Probleme. Letztlich ist es nicht gelungen, ins Dokument von Katowice auch die Schilderungen des Weltklimarates aufzunehmen, der in seinem Bericht die Folgen des 1,5-Grad-Ziels für die tropischen Inselstaaten beschrieben hat. Dabei wurde auch über mögliche ambitioniertere Klimaziele verhandelt. Nur sind wir da meiner Meinung nicht ausreichend vorangekommen“, so Kárníková.

Nun sollen die Staaten bis zur nächsten Zusammenkunft ihre Ziele überdenken. Im Dezember 2019 oder Januar 2020 will man sich in Chile treffen. Anna Kárníková in den Inlandssendungen des Tschechischen Rundfunks:

„Die Staaten werden, nach der Rückkehr ihrer Unterhändler, zu Hause weitermachen müssen. Das heißt, die Korrektur der eigenen Ziele und die Erfüllung der Vorgaben von Paris beginnen auf der innenpolitischen Ebene. EU-Umweltkommissar Cañete hat vorgeschlagen, dass die Europäische Union ihr Klimaziel erhöht, und zwar von 40 auf 55 Prozent weniger CO2-Emissionen bis 2030. Als Nächstes liegt dann die Entscheidung in Brüssel und bei den Mitgliedsstaaten.“

Hohe Pro-Kopf-Emissionen

Tschechien ist bisher bei den Vorgaben aus dem Pariser Klimaabkommen auf einem guten Weg. Das bedeutet, dass bis 2030 hierzulande 40 Prozent weniger CO2-Emissionen in die Luft geblasen werden als im Basisjahr 1990. Das Ziel war allerdings leicht zu erreichen. Denn viele Industrie-Konzerne mussten nach der politischen Wende infolge des Strukturwandels geschlossen werden. Zudem brachten selbst simple Maßnahmen wie der Einbau von Filtern einen großen Fortschritt.

Dennoch steht Tschechien bei den CO2-Emissionen pro Kopf weiterhin sehr schlecht da. Konkret bedeutet das den fünfthöchsten Wert in der EU und Rang 20 weltweit. Ein Riesenproblem ist der hohe Anteil an Kohle im Energiemix. Fast die Hälfte des Stroms wurde im vergangenen Jahr auf diese Weise hierzulande gewonnen. Manche Umweltexperten halten dies für ein vermeidbares Problem. Eine Abschaltung der größten Braunkohleanlagen wäre demnach schon jetzt möglich. Auch Jiří Koželouh vom größten tschechischen Umweltverband, Hnutí duha (Bewegung Regenbogen), hat die Verhandlungen in Katowice verfolgt. Auf dem Internetauftritt des Verbandes schrieb er:

„Die Vertreter der Inseln im Pazifik haben es wohl am verständlichsten formuliert: Bis 2030 müssen die entwickelten Staaten die Verbrennung von Kohle einstellen. Und schon jetzt ist es nicht mehr möglich, die bestehenden Gruben auszuweiten, geschweige denn neue anzulegen. Tschechien erfüllt noch nicht einmal die Vorgaben zur Reduktion fossiler Brennstoffe, die aus dem insgesamt konservativen Energiekonzept des Landes hervorgehen.“

Das Mantra in der tschechischen Politik lautet bisher: Die Kohle kann nur durch die Kernkraft ersetzt werden. So sieht es die derzeitige Regierung aus Partei Ano und Sozialdemokraten. Aber auch die konservative Opposition stimmt diesem Gedanken zu. So etwa Jan Zahradník, er ist stellvertretender Vorsitzender des Umweltausschusses im tschechischen Abgeordnetenhaus.

„Ich denke, wir sollten hierzulande den Anteil an Atomstrom in unserem Energiemix ausbauen. Im Verlaufe der Zeit können wir dann die fossilen Brennstoffe reduzieren. Dabei muss aber vorsichtig vorangegangen werden, damit das keine fatalen Folgen hat für die tschechischen Bürger“, so der Bürgerdemokrat.

Doch ist ein vorsichtiges Vorgehen angesichts des rasenden Klimawandels noch zeitgemäß? Außerdem: Seit Jahren wird überlegt, wie denn neue Reaktorblöcke in den beiden hiesigen Atommeilern finanziert werden sollen. Eine Lösung ist nicht in Sicht, und so wird die Entscheidung über den Bau immer wieder zeitlich nach hinten verschoben.

Einsparungen statt neue Meiler

Einige Politiker hierzulande können sich aber auch einen anderen Weg vorstellen. So etwa Dana Balcarová von der Piratenpartei, sie ist Vorsitzende des Umweltausschusses im Abgeordnetenhaus:

„Wir produzieren ausreichend Energie. Rund 20 Prozent unseres Stroms exportieren wir. Dazu kommt die Energieverschwendung. Das betrifft nicht nur die Industrie, sondern auch die Wohnhäuser aus der Nachkriegszeit, die keine Wärmedämmung haben. Ich halte daher den Weg der Einsparungen für sinnvoll, und wir könnten uns auch stärker auf erneuerbare Energien konzentrieren. Ich denke nicht, dass wir ganz dringend jetzt mit dem Bau neuer Atomreaktoren beginnen müssen.“

Der Anteil der Erneuerbaren am tschechischen Energiemix betrug im vergangenen Jahr im Übrigen nur noch 7,6 Prozent. Vor zwei Jahren waren es noch 11,7 Prozent gewesen.

Ökologe Bedřich Moldan plädierte im Fernsehen jedoch dafür, die Frage des Energiemix nicht an die erste Stelle zu rücken. Denn europaweit bestünden ausreichend Kapazitäten zur Stromproduktion. Es brauche jedoch Lösungen, um die Energie effizient dort hinzuleiten, wo sie gebraucht werde. Dazu müssten grenzüberschreitend die Energienetze ausgebaut werden, so Moldan. Und auch an den Speichermöglichkeiten müsse weitergeforscht werden. Nur so könne die Umstellung auf Elektromobilität vorangetrieben werden. Und der tschechischen Politik empfahl er mehr Mut:

„Ich sehe den Fehler, dass diese Herausforderungen hierzulande nicht als besondere Gelegenheit betrachtet werden. Nur das kann der Weg sein“, betonte der Umweltwissenschaftler.

Denn gerade bei der Elektromobilität müsste hierzulande eigentlich die Initiative ergriffen werden. Schließlich ist Tschechien eine ausgesprochene Autonation.

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 19.12.2018
 
 
 

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