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Spaziergang durch Prag

 

Unter Zunftfahne auf Schloss Ctěnice - neue Dauerausstellung über das Handwerk

 
photo:  (Schloss Ctěnice (Foto: Martina Schneibergová))
 

Das Prager Stadtmuseum besitzt eine der größten Sammlungen von historischen Zunftgegenständen in Europa. Am vergangenen Dienstag wurde daher eine neue Dauerausstellung eröffnet. Sie dokumentiert die Geschichte der Handwerker und deren Berufsorganisationen, angefangen von den Zünften über Vereine bis hin zu den heutigen Berufsverbänden.

 
 

Schloss Ctěnice liegt im Prager Stadtteil Vinoř. Von der Endstation „Letňany“ der Metrolinie C im Prager Norden ist das Schloss mit der Buslinie 302 zu erreichen. Vom Eingang ins Schlossareal gelangt man geradewegs in das Hauptgebäude. Die neue Dauerausstellung wurde in den prunkvollen Sälen in der ersten Etage der Residenz etabliert. Das Schloss wurde vor knapp zwei Jahren in die Obhut des Stadtmuseums überführt. Zuzana Strnadová ist Museumsleiterin:

„Wir haben uns überlegt, wie wir das Schlossareal nutzen könnten. Es gibt hier geräumige Ausstellungssäle, die wir in unserem Hauptgebäude nicht haben. Zudem stehen hier ausreichend große Flächen im Freien für Musemszwecke zur Verfügung. Wir haben entschieden, uns in Ctěnice auf das Thema des Handwerks und der traditionellen Volkskultur zu konzentrieren. Wir haben im Schloss auch schon mehrere Volksfeste veranstaltet, bei denen handwerkliche Arbeiten präsentiert wurden. Und so hielten wir es für wichtig, eine Grundlage zu schaffen, von der sich die weiteren Aktivitäten im Schlossareal ableiten. Deshalb haben wir eine Dauerausstellung zusammengestellt, die sich auf die Geschichte des Handwerks konzentriert. Gezeigt werden viele wertvolle Exponate aus unserer großen Sammlung, die Gegenstände zur Geschichte der Prager Zünfte enthält. Mehrere der Exponate werden das erste Mal überhaupt ausgestellt.“

„Geschichte der Berufsorganisationen der Handwerker vom Mittelalter bis zur Gegenwart“, so lautet der Untertitel der Ausstellung. Im Tschechischen heißt es „Řemesla v pořádku“, was wortwörtlich übersetzt „Handwerk in Ordnung“ bedeutet. Martina Lehmanová hat die Ausstellung zusammengestellt. Zur Bezeichnung der Zünfte mit dem tschechischen Wort „pořádky“ sagte sie:

„Das ist meiner Meinung nach eine Spezifik der tschechischen Sprache. Der Begriff Zünfte wird zwar tschechisch als ´cechy´ übersetzt. Aber vor allem in Prag wurden die Zünfte früher ´pořádky´ genannt. Das Wort ´pořádek´ heißt ´Ordnung´. Die Bezeichnung mit diesem tschechischen Wort bedeutete daher, die Zünfte stellen ein Leben in Ordnung dar, beziehungsweise: Es ist ein Leben mit einem funktionierenden Zunftsystem.“

In Ctěnice sind vor allem Exponate aus den Sammlungen des Prager Stadtmuseums zu sehen. Zudem gebe es noch einige Leihgaben vom Prager Nationalmuseum und von der Mährischen Galerie in Brno / Brünn, erzählt Martina Lehmanová:

„In den Sammlungen unseres Museums befinden sich etwa 600 Gegenstände, die einen Bezug zur Geschichte der Zünfte haben. Die besten davon sind hier zu sehen. Insgesamt sind es 239 Exponate aus unserem Museum.“

Die ersten Zusammenschlüsse von Handwerkern in Europa gab es im 11. und 12. Jahrhundert. In den zu jener Zeit entstehenden Städten ließen sich vor allem Handwerker nieder. Diese schlossen sich in den Zünften mit dem Ziel zusammen, das Handwerk zu pflegen, die Qualität der Produkte zu kontrollieren und sich gemeinsam um kranke Zunftmitglieder zu kümmern. In Prag sind Ende des 12., Anfang des 13. Jahrhunderts die ersten Zünfte gegründet worden. Zu den ältesten gehörte die Metzgerzunft. Martina Lehmanová:

„Ihre Blütezeit erlebten die Zünfte erst im 16. und 17. Jahrhundert. Sie hatten damals eine wichtige Stellung in der Gesellschaft und zudem relativ viel Macht.“

Nach Aussage der Expertin waren die Handwerker sehr geschätzte Personen. Sie mussten lesen, schreiben und rechnen können, was damals nicht selbstverständlich war.

Die Ausstellung ist thematisch gegliedert, dazu die Kuratorin:

„Wir befinden uns im ersten Saal, in dem die Gewerbe beschrieben werden, die etwas mit Kunst zu tun haben: Maler, Buchbinder, Glasmacher oder Goldschmiede. Sie hatten einiges gemeinsam wie beispielswiese, dass ihr Schutzpatron der heilige Lukas war, der die Jungfrau Maria gemalt haben soll.“

Diese künstlerischen Gewerbe besaßen laut der Expertin die schönsten Zunfttruhen. Sie wurden auch Zunftladen genannt. In den reichlich geschmückten Truhen wurden wichtige Dokumente wie Privilegien, Geld und andere Wertsachen aufbewahrt. Die Gebühren, die von den Zunftmitgliedern kassiert wurden, gelangten ebenfalls in diese Zunftladen. Wenn ein Handwerker erkrankte, erhielt er aus der gemeinsamen Kasse eine finanzielle Unterstützung. Nach seiner Genesung zahlte er der Zunft die Summe wieder zurück. In der Ausstellung sind mehrere Beispiele von besonders reich verzierten Zunfttruhen verschiedener Größen zu sehen. Martina Lehmanová:

„Die Zunfttruhen waren in der Regel nicht sehr groß. Denn bei den Treffen der Zunftmitglieder wurde die Truhe auf den Tisch gestellt. Mit der Öffnung der Zunftlade begann die Tagung. Aber einige der reichsten Zünfte wollten besonders große Truhen haben. Wir stellen hier die Zunftlade der Prager Kaufleute aus. Sie ist ein Meter hoch und 1,30 Meter breit. Ich habe bislang nur eine noch größere Zunfttruhe gesehen, und zwar im Stadtmuseum in Bratislava.“

Jede Zunft hatte aber nicht nur eine Zunfttruhe, sondern auch eine eigene Fahne. Die Handwerker trugen sie zu festlichen Gelegenheiten bei den Umzügen durch die Stadt. Nach den Symbolen auf der Zunftfahne konnten die Bewohner erkennen, um welche Handwerker es sich handelte. Aus den Sammlungen des Prager Stadtmuseums werden mehrere Zunftfahnen in der Ausstellung gezeigt. Im Zentrum des Saals ist ein Torso einer außergewöhnlich großen Zunftfahne der Prager Metzger aus dem 18. Jahrhundert zu sehen. Martina Lehmanová:

„Der Torso ist zwei Meter breit und mehr als 2,5 Meter hoch. Auf der einen Seite ist ein silberner Löwe auf rotem Grund abgebildet. Der Löwe war ein Symbol der Metzger. Datiert ist das Bild auf das Jahr 1730. Auf der anderen Seite ist ein Porträt Kaiser Karl VI. vom Hofmaler Johann Gottfried Auerbach zu sehen.“

Nachdem sie das Bild bei der Zusammenstellung der Dauer-Exposition gefunden habe, habe sie sogleich die Herkunft des Bildes mit Barockmalerei-Experten aus Österreich, Italien und Tschechien konsultiert, erzählt die Kuratorin.

„Sie waren alle sehr begeistert, dass sich ein so wertvolles Bild in unseren Sammlungen befindet und dass bislang eigentlich niemand von seiner Existenz gewusst hat.“

Die Führung durch die neue Dauerausstellung im Schloss Ctěnice werden wir in einer der nächsten Ausgaben unseres Spaziergangs durch Prag fortsetzen. Das Schloss ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Im Winterhalbjahr, von November bis März, ist das Areal während der Woche nur von 10 bis 16 Uhr und am Wochenende von 10 bis 18 Uhr zugänglich.

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 02.06.2014
 
 
 

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