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Reiseland Tschechien

 

„Audienz bei Karl I.“ auf Schloss Brandýs nad Labem

 
photo:  (Schloss Brandýs nad Labem (Foto: Martina Schneibergová))
 

Das Schloss in Brandýs nad Labem / Brandeis an der Elbe war mehr als 450 Jahre lang mit der Herrscherdynastie Habsburg-Lothringen verbunden. Kaiser und Könige nutzten diese Renaissanceresidenz oft als Jagdschloss. Letzter Besitzer war bis zum Zerfall der Monarchie der letzte Habsburger-Kaiser und böhmische König Karl I. von Österreich. Bei einem historischen Fest wird seit 2002 in Brandýs nad Labem jedes Jahr an diesen letzten Schlossbesitzer erinnert. Martina Schneibergová war für Radio Prag am vergangenen Samstag bei der „Audienz bei Kaiser Karl I.“.

 
 

Brandýs liegt nordöstlich von Prag an der Elbe, seit 1960 bildet es mit Stará Boleslav / Altbunzlau eine Doppelstadt. Von der tschechischen Hauptstadt ist Brandýs mit dem Bus von der Metro-Endstation Černý Most in knapp 30 Minuten zu erreichen. Das Renaissanceschloss liegt direkt am Elbeufer, vom Brandeiser Marktplatz geht es durch einen Park, der in den Schlosspark übergeht. Dieser war Schauplatz der diesjährigen „Audienz bei Karl I.“. Am Samstagvormittag strömten Hunderte von Menschen dorthin. Um elf Uhr erklang der Radetzky-Marsch:

Milan Novák leitet die Kulturabteilung im Stadtrat und zudem auch die Schlossverwaltung. Er eröffnete das historische Fest:

„2014 treffen wir hier bereits zum zwölften Mal zusammen, um das Andenken des letzten böhmischen Königs und letzten Besitzers des hiesigen Schlosses zu ehren. Kaiser Karl I. von Österreich wurde vor zehn Jahren seliggesprochen. Wir gedenken auch seiner Gemahlin, Kaiserin Zita, die mit Karl einige glückliche Jahre gemeinsamen Lebens eben in Brandýs verbrachte. 2014 erinnern wir uns zudem an Karl den Großen, seit dessen Tod in diesem Jahr 1200 Jahre vergangen sind. 200 Jahre vergehen seit dem Wiener Kongress, mit dem 1814 die lange Zeit der Napoleonischen Kriege abgeschlossen wurde. 2014 vergehen auch 100 Jahre seit der Entfesselung des Großen Kriegs, der eine präzedenzlose Katastrophe für die Völker Europas darstellte. Der Erste Weltkrieg riss viele Völker in ungeheure Leid und Not. Der seliggesprochene Kaiser Karl hat hingegen die Ideale der sozialen Gerechtigkeit und die Werte des Humanismus vertreten.“

An dem historischen Fest nahmen wie jedes Jahr Mitglieder der Vereine für Militärgeschichte aus Tschechien und dem Ausland teil. Mit einer Gedenkminute wurde der Opfer des Ersten Weltkriegs gedacht. Danach begab sich ein Umzug aus Brandýs über die Elbe nach Stará Boleslav in die dortige Maria-Himmelfahrts-Kirche. Dort wurde eine Festmesse für den Frieden in Europa gelesen.

Hauptzelebrant des Gottesdienstes war der Bischof von Ostrava / Ostrau und Opava / Troppau, František Lobkowicz. Er erinnerte sich in seiner Rede an eine Audienz bei Papst Franziskus, an der er vor kurzem teilnahm:

„Alle haben uns gefragt, was uns der Papst gesagt hat. Da stellte ich mir bei der jetzigen ´Audienz´ die Frage, was uns der selige Karl zu sagen hätte. Wir haben jetzt während des Gottesdienstes einige Worte aus dem Buch der Weisheit des Alten Testaments gehört, mit denen die Mächtigen der Welt zur Weisheit gemahnt werden. Sie sollen auf den Wegen Gottes suchen. Und der selige Karl hat gezeigt, wie es aussieht, wenn man in einer schweren Zeit diesen Weg zu gehen versucht. Es war ein Weg der Aufopferung. Er war sich seiner Verantwortung bewusst und hat seinen Auftrag erfüllt.“

Nach Franz Josephs Tod am 21. November 1916 bestieg Karl I. den Thron. Dieser Wechsel inmitten des Krieges war keine leichte Aufgabe. In seinem Manifest anlässlich der Thronbesteigung kündigte Karl seinen Willen zum Frieden an. Der Kaiser wollte den Einfluss der Militäreliten einschränken. Verdienste hatte er im Sozialbereich, so erließ er beispielsweise 1917 eine Verordnung zum Schutz der Mieter. Zudem schuf er zwei neue Ministerien, eines für soziale Fürsorge und ein weiteres für Volksgesundheit. Karl I. starb am 1. April 1922 im Exil auf Madeira an einer Lungenentzündung.

Nach dem Gottesdienst für den Frieden gab es die Möglichkeit, sich das Schloss in Brandýs oder eine Ausstellung anzuschauen. Auf dem Bahnhof der Stadt konnte man zudem den Salonwagen von Erzherzog Franz Ferdinand besichtigen, der sonst im Prager Nationalmuseum für Technik steht.

Unter den Gästen, die an dem historischen Fest in Brandýs teilnahmen, war auch Prinz Gundakar von und zu Liechtenstein. Er nahm zum ersten Mal an der Brandeiser „Audienz“ teil:

„Ich bin davon begeistert, mit was für einer Hingabe die Leute mitmachen. Ich überlege, wie sehr sie selbst überzeugt sind. Aber ich meine, je mehr sie mitmachen, umso mehr werden sie sich in die Geschichte einfühlen und desto mehr werden sie geschichtsbewusst werden. Es ist, glaube ich, sehr wichtig, dass man weiß, woher man kommt, damit man beurteilen kann, wohin man gehen soll.“

Aus Österreich kam zudem die Familie Hohenberg zu dem Fest. Franz-Ferdinand Hohenberg ist Großenkel des in Sarajevo ermordeten Thronfolgerpaars, Franz Ferdinand und seiner Gemahlin Sophie. Er hält das Gedenken für wichtig:

„Der Sinn solcher Veranstaltungen ist, glaube ich, in der heutigen Zeit wichtiger denn je. Es geht darum, nicht einer Nostalgiewelle zu verfallen, sondern mit einem erhobenen Zeigefinger dazustehen und zu sagen: Wenn wir lernen, miteinander richtig umzugehen, wenn wir lernen, mit unseren Nachbarn im weitesten Sinne fast brüderlich zu leben, dann kann man verhindern, dass wieder Menschen sterben – so wie die Millionen von Menschen im Krieg, der 1914 entfesselt wurde.“

Das Schloss ist von April bis Oktober geöffnet, und zwar täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr. Vom November bis März sind die Schlossräumlichkeiten nur am Wochenende zugänglich.

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 09.05.2014
 
 
 

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