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Reiseland Tschechien

 

Frühlingsausstellung im Elbtaler Freilichtmuseum in Přerov nad Labem

 
photo:  (radio.cz)
 

Die Fastenzeit und das Osterfest sind mit vielen Volksbräuchen verbunden. Einige davon sind in ganz Tschechien verbreitet, andere sind nur für eine bestimmte Region typisch. Die Gemeinde Přerov nad Labem / Prerow an der Elbe liegt etwa 30 Kilometer östlich von Prag entfernt. Bekannt geworden ist sie durch das Elbtaler Freilichtmuseum, das dort vor fast 120 Jahren gegründet wurde. Die Osterbräuche aus dem Elbtal sowie das Leben auf dem Dorf von der Faschings- bis zur Osterzeit zeigt eine Ausstellung, die dort zu sehen ist.

 
 

Der Frühling beginnt zwar dem Kalender nach erst am 21. März. In den Dörfern des Elbtals bereiteten sich die Bauern aber schon viel früher auf die Feldarbeit vor. Das Ende des Winters wird hier mit dem Sankt-Matthias-Namenstag verbunden, den man am 24. Februar feiert. Die Frühlingsausstellung, die im Elbtaler Freilichtmuseum in Přerov nad Labem zu sehen ist, bezieht sich nicht ausschließlich auf das Leben auf dem Dorf in der Osterzeit. Die Tradition dieser Ausstellungen im Museum geht etwa 25 Jahre zurück, erzählt Museumsleiterin Jana Hrabětová:

„Damals haben wir alle Gegenstände aus unseren Sammlungen zusammengetragen, die an das Leben unserer Vorfahren im Frühjahr und an deren Osterbräuche erinnerten. Wir haben beispielsweise bemalte Ostereier, Osterratschen und Ostergrußkarten ausgestellt. Die Frühlingsausstellung zog dann zahlreiche Besucher an und da haben wir uns entschieden, sie jedes Jahr zu organisieren. Wir wechseln die Exponate natürlich und zeigen immer andere Gegenstände aus den Museumssammlungen. Diese ergänzen wir um neue Ostereier und Osterdekorationen, die heutzutage sehr kreativ gestaltet werden.“

Die Grundlagen der Museumssammlungen bestehen aus Gegenständen, die für eine große Ethnographische Ausstellung zusammengetragen wurden, die bereits 1895 in Prag stattfand. Dazu gehören sogar bemalte Ostereier, erzählt die Ethnographin:

„Diese Ostereier werden nicht mehr ausgestellt, auch wenn wir etwa 60 Stück davon in den Sammlungen haben. Sie sind zwar erhalten geblieben, aber sie befinden sich in keinem guten Zustand, die Farben sind längst verblasst. Wir zeigen hier aber immerhin Repliken. Die Ausstellung heißt ´Der Frühling auf dem Dorf´ und sie dokumentiert die Zeit von Fasching bis zum Mai. Da es im Freilichtmuseum sieben Bauernhäuser gibt, haben wir die Ausstellung chronologisch in den einzelnen Häusern gestaltet.“

Die Faschingszeit war auf dem Land immer mit Hausschlachtungen verbunden. Allerdings gab es auf dem Dorf auch verschiedene lustige Veranstaltungen. In der Elbtal-Region fand zum Beispiel ein spezielles Fest statt, das es anderswo nicht gab, erzählt die Museumsleiterin:

„Wir wissen davon durch die Erinnerungen mehrerer Zeitzeugen. Das Fest war Ende des 19. Jahrhunderts in den Dörfern der Umgebung von Nymburk / Nimburg verbreitet. Es hieß ´šplochan´, niemand weiß, woher diese Bezeichnung stammt. Es handelte sich um ein reines Frauenfest, das die Frauen im Dorf an einem Faschingssonntag begingen. Sie haben dafür Kuchen mit dem Namen ´hnětýnky´ gebacken. Diese Kuchen waren meistens mit Powideln gefüllt. Am Sonntag trafen sich die Frauen bei Kaffee und Kuchen und haben sich über die Männer lustig gemacht. Danach holten sie die Männer und beauftragten sie damit, die Frauen auf dem Fuhrwerk durch das Dorf zu ziehen. Während der Fahrt warfen die Frauen dann die Kuchen den Kindern zu, die am Straßenrand standen und sich die Fahrt anschauten. Beim anschließenden Tanzfest haben die Damen die Männer aufgefordert. Dieses Frauenfest ´šplochan´ war in keiner anderen Region bekannt.“

Zum Abschluss der Faschingszeit gab es auch in der Elbtal-Region Umzüge. Diese fanden oft schon am Samstag oder Sonntag vor dem Aschermittwoch statt. Die Hauptfigur des Umzugs war der so genannte „Masopust“ – zu Deutsch etwa der Faschingsmann.

„Das war in der Regel ein junger Mann, der von oben bis unten mit Erbsen bestreut war. Oder aber er trug manchmal eine Bärenmaske und ging von einem Haus zum anderen und machte sich über die Leute lustig. Die hiesigen Bauern waren im Vergleich mit den Bewohnern der Bergregionen wohlhabend. Darum war der Fasching hier vor allem mit Hausschlachtungen und mit viel Essen verbunden. Die Fastenzeit begann dann am Aschermittwoch. Die Leute gingen in der Früh in die Kirche, wo ihnen der Pfarrer ein Aschenkreuz spendete als Zeichen der Reue. Und sie begannen, sich auf das Osterfest vorzubereiten.“

Die Dörfer in der Elbtal-Region waren laut der Museumsleiterin vorwiegend katholisch. Nach dem Aschermittwoch wurden nur noch Fastengerichte zubereitet. Dazu gehörte vor allem das so genannte „pučálka“. Das war ein altböhmisches Gericht aus Erbsensprossen, die gebraten oder gebacken wurden. Nach diesem Fastengericht benannte man auch den ersten Fastensonntag.

„Die sechs Fastensonntage hatten Namen, die sich von Region zu Region unterschieden. Dem ´Pučálka´-Sonntag folgte hier der „schwarze“ Sonntag. Der dritte Fastensonntag hieß ´kýchavná´, zu Deutsch etwa der ´Niesesonntag´, dann folgten ´družebná – also etwa der ´Brautführersonntag´, der Totensonntag – Tschechisch ´smrtná neděle ´und der Palmsonntag – ´květná neděle ´. Und mit den einzelnen Fastensonntagen sind auch verschiedene Volksbräuche verbunden.“

Am Brautführersonntag wurde noch im 19. Jahrhundert der folgende Brauch eingehalten: Mädchen, die zuvor als Brautjungfer bei einer Hochzeit waren, haben Brotkrümeln aufs Feld gestreut. Dabei haben sie gebetet, dass es den Bewohnern auch weiterhin gut geht.

In einem der Bauernhäuser werden die typischen Ostergerichte vorgestellt. Dazu gehören hauptsächlich verschiedene Eiergerichte. Wenn etwas gebacken wurde, hat man nie an den Eiern gespart, erzählt die Museumsleiterin.

„Typisch war der Osterkuchen, der von innen schön gelb sein musste. Während der Festtage musste er immer auf dem Tisch stehen. Wenn jemand zu Besuch kam, bekam er ein Stück Osterkuchen. Vorher, am Gründonnerstag, wurden hier in der Region die so genannten ´jidáše´ gebacken. Sie waren aus Hefeteig und mit Honig bestrichen. Mit ihrer gedrehten Form sollten sie an den Strang erinnern, an dem sich Judas erhängt hatte. Am Gründonnerstag wurden zudem Suppen mit vielen Kräutern oder mit jungen Brennnesseln gekocht.“

Der wertvollste Bau im Freilichtmuseum ist die so genannte „česká chalupa“. Das Haus gilt als Kulturdenkmal. Es handelt sich ursprünglich um eine Vogtei vom Anfang des 18. Jahrhunderts. Sie wurde dann umgebaut, mit dem Ziel, dort ein Museum einzurichten.

„Unser Museum ist darum das älteste Freilichtmuseum in Mitteleuropa. Erzherzog Ludwig Salvator von Österreich-Toscana, dem das hiesige Herrengut damals gehörte, war von der Prager ethnographischen Ausstellung 1895 sehr beeindruckt. Er kaufte dieses Bauernhaus und ließ es zu Museumszwecken neu gestalten. Da es das wertvollste Haus des Freilichtmuseums ist, entschieden wir uns, hier die Höhepunkte des Osterfestes zu zeigen, also den Ostersonntag und -montag. Am Ostermontag gingen die Jungen mit Osterruten von Haus zu Haus. Sie schlugen die Mädchen mit der Osterrute und bekamen von ihnen dafür Ostereier. Der Brauch wird hier bis heute eingehalten. Er hat aber nichts mehr mit der Religion zu tun. Ostersamstag und -sonntag wurden in dieser katholischen Region in der Kirche gefeiert.“

Die Ethnographische Ausstellung von 1895 weckte in der Öffentlichkeit ein starkes Interesse für die Bauernarchitektur sowie für die Volksmöbel. Diese wurden nach Originalvorbildern auf Bestellung hergestellt. Einige Beispiele von Möbeln im Volksstil, die nach Entwürfen von Architekt Jan Koula gebaut wurden, sind in der ehemaligen Vogtei zu besichtigen. Sie stellen ein Pendant zu den Originalmöbeln aus den Bauernhöfen des Elbtals dar.

Im Unterschied zu vielen anderen Regionen Tschechiens wurden die Ostereier im Elbtal nicht sehr verziert, sagt die Museumsleiterin:

„Die Tradition, Ostereier bunt zu bemalen, ist hier kaum verbreitet. Es war üblich, die Eier nur mit Zwiebelschalen zu kochen, sie bekamen danach eine schöne braune Farbe. Manchmal hat man vor dem Kochen ein paar Blätter auf das Ei gelegt und das Ei dann in ein Stück Leinen oder anderen Stoff gebunden. Wenn der Stoff beseitigt wurde, blieb auf dem Ei der Abdruck der Blätter. Wenn ein Imker im Haushalt war, hat man auch Honig für das Verzieren der Eier benutzt. Dies war aber in unserer Region nur selten der Fall. Typisch für das Elbtal waren die so genannten ´rejsky´. Im Dorf fand sich fast immer eine geschickte Person, die in der Lage war, mit einem kleinen Messer eine Aufschrift oder ein Ornament auf das Ei zu kratzen. Meistens bestellte ein Mädchen die auf ein schwarz oder rot gefärbtes Ei gekratzte Aufschrift für ihren Liebsten. Er brachte dem Mädchen dafür von der nächsten Kirmes ein Lebkuchenherz mit.“

Im Unterschied vor allem zu Mähren wurden im Elbtal die Eier vor dem Verzieren nie ausgeblasen. In den Sammlungen des Freilichtmuseums gibt es mehrere Beispiele der so genannten „rejsky“ – also der gekratzten Ostereier. Die Aufschriften und Ornamente sind nach den vielen Jahren jedoch kaum mehr zu entziffern, darum stellt sie das Museum nicht mehr aus.

Die Ausstellung mit dem Titel „Der Frühling auf dem Dorf“ ist im Freilichtmuseum in Přerov nad Labem noch bis Ende April zu sehen. Das Museum ist bis Ende Oktober täglich außer montags von 9 bis 17 Uhr geöffnet.

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 23.04.2014
 
 
 

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