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Die Loreto-Kapelle in Rumburk

 
photo:  (Foto: Martina Schneibergová)
 

Die ersten Loreto-Kapellen in den Böhmischen Ländern wurden im 17. Jahrhundert erbaut. Die Gründer waren meist Adelige, die nach dem Besuch im italienischen Wallfahrtsort Loreto sich eine entsprechende Marienkapelle nahe ihrem Wohnort wünschten. Um die Pilger zu den Loreto-Kapellen kümmerten sich in der Regel die Mitglieder von Kirchenorden, sie lasen heilige Messen für sie. Dies gilt auch für die nördlichste Loreto-Kapelle Europas. Sie steht im nordböhmischen Rumburk / Rumburg.

 

Wenn man vom Bahnhof in Rumburk durch die Straße des 9. Mai geht, trifft man nach knapp 500 Metern auf rechter Seite auf einige Gebäude mit roten Dächern. Sie gehören zum Areal des Kapuzinerklosters, das von außen eher unauffällig ist. Durch den Eingang kommt man in einen Kreuzgang, von dort aus ist im Klosterhof die Loreto-Kapelle zu sehen. Die Sehenswürdigkeit, die als Kulturdenkmal gilt, wird seit 2006 von der katholischen Pfarrgemeinde in Rumburk verwaltet. Die Loreto-Kapelle besteht seit 1707, erzählt Klára Mágrová. Sie führt die Besucher durch das Areal.

„Anton Florian von Liechtenstein ließ die Kapelle damals nahe seines Schlosses errichten. Die Bauarbeiten dauerten nur drei Jahre lang. Fürst von Liechtenstein war übrigens der Erzieher von Erzherzog Karl, dem späteren Kaiser Karl VI.; er war zudem Diplomat am päpstlichen Hof. Beim Besuch des italienischen Wallfahrtsorts Loreto entschied er sich, eine Loreto-Kapelle in Rumburk zu errichten. Er beauftragte mit dem Bau den namhaften Architekten Johann Lucas Hildebrandt. Der Architekt reiste nach Loreto, um die dortige Kapelle zu vermessen. Nach seinem Entwurf und unter seiner Aufsicht wurde die hiesige Kapelle gebaut. Dies war nicht üblich. Andere Adelige wollten auch Hildebrandt mit einem Bau beauftragen. Der Architekt lehnte dies aber ab, persönlich wachte er nur über den Bau hier in Rumburk und den Bau der Basilika in Jablonné v Podještědí.“

Über den italienischen Ort Loreto heißt es, Engel hätten das Haus, in dem Jungfrau Maria gelebt haben soll – die sogenannte Santa Casa –, dorthin gebracht. Um das Haus herum wurde später eine Basilika erbaut. Die Kapelle in Rumburk sei eine getreue Kopie des Heiligen Hauses, sagt Klára Mágrová.

„In Böhmen wurden insgesamt rund 40 Loreto-Kapellen erbaut, aber nur drei davon sind ein sehr genauer Nachbau der Santa Casa von Loreto: die Kapelle bei den Kapuzinern auf der Prager Burg, die hiesige Kapelle und die in Kosmonosy. Das Einzigartige an der Rumburger Kapelle ist deren Gestaltung. Sie ist reichlich geschmückt mit vielen Plastiken und Reliefs, die an Bramantes Plastiken im italienischen Loreto erinnern.“

Die Statuen aus Sandstein, mit denen der Sakralbau geschmückt ist, sind Werk des Bildhauers Franz Biener. Er stammte laut Klára Mágrová wahrscheinlich aus Schirgiswalde im Lausitzer Bergland. Biener begleitete später die Familie Liechtenstein nach Südmähren und beteiligte sich an der Gestaltung des Schlosses in Valtice / Feldberg.

Santa Casa mit schlichtem Innenraum

Der Innenraum der Loreto-Kapelle ist im Vergleich zu den prächtigen Dekorationen an der Außenfassade schlichter gestaltet. Das Wichtigste ist die Statue der Schwarzen Muttergottes.

„Eine derartige Plastik befindet sich in jeder Loreto-Kapelle. Die Schwarze Madonna wurde in Italien geschnitzt. Danach wurde sie nach Rumburk gebracht. Seit 1707 steht die Madonna auf dem Hauptaltar der Kapelle. Sie wird als eine Gnadenstatue verehrt. In einer der Ecken gab es früher eine Treppe, die auf das Dach führte. Oben standen früher Statuen, die Verwandte von Jungfrau Maria darstellten. Fürst Liechtenstein hatte die Idee, Plastiken auf das Dach zu platzieren. Die Sandsteinplastiken sind im Laufe der Zeit beschädigt worden und mussten entfernt werden. Einige davon wurden verkauft, einige sind erhalten geblieben und stehen heute auf der Balustrade vor der Kapelle.“

Um die Loreto-Kapelle herum führt ein Kreuzgang. Er sollte die Santa Casa beschützen, zudem konnten sich dort die Pilger ausruhen. Ursprünglich hatte Architekt Hildebrandt einen zweistöckigen Kreuzgang auf einem ovalen Grundriss entworfen. Diese Pläne seien jedoch nicht verwirklicht worden, erzählt Klára Mágrová:

„Der Kreuzgang wurde schließlich auf einem rechteckigen Grundriss angelegt. Denn Fürst Liechtenstein hielt den Entwurf damals für allzu pompös und die Kosten für übertrieben hoch. Der Kreuzgang entstand erst 50 Jahre später als die Kapelle nach den Plänen eines unbekannten Architekten. Da hier die Pilger darauf warteten, bis sie in die Loreto-Kapelle hineingehen konnten, wurde die Decke des Kreuzgangs mit Malereien geschmückt. Die ursprünglichen Malereien sind nicht erhalten geblieben. Der Zyklus der Bilder aus dem Leben der Jungfrau Maria, der hier heute zu sehen ist, ist etwa 100 Jahre alt. Insgesamt handelt es sich um 32 Deckenmalereien. Sie wurden inzwischen alle restauriert. Derzeit werden die Verzierungen rund um die Malereien instandgesetzt.“

Kapuzinerpater rettet Rumburk

Aus dem Kreuzgang geht es in die Klosterkirche des Heiligen Laurentius. Die Kapuziner waren auf Einladung der Grafen von Pötting nach Rumburk gekommen, ihnen gehörten nach dem Dreißigjährigen Krieg die zugehörigen Ländereien. Die Klosterkirche wurde 1690 unter den Liechtensteins geweiht. Bis 1950 war der Kapuzinerorden in Rumburk tätig. Im Unterschied zu vielen anderen größeren und reicheren Klöstern wurde dieses unter Kaiser Josef II. nicht aufgelöst, erzählt Klára Mágrová:

„Vielleicht bestand das Kloster deswegen weiter, weil es das einzige in der Region war. Zudem befand es sich an der Grenze zwischen dem vorwiegend von Katholiken bewohnten Gebiet Österreichs und dem protestantischen Sachsen. Die Kapuziner konzentrierten sich stark auf Predigerarbeit. Die Klosterkirche wurde viel besucht. Aus den Dokumenten wissen wir, dass zu den Gottesdiensten bis zu 250 Menschen kamen. Die genauen Zahlen kennen wir nicht, aber die Klosterkirche war besser besucht als die hiesige Dekanskirche.“

Das Gemälde auf dem Hauptaltar stellt den heiligen Laurenzius vor. Im Chorraum hinter dem Hauptaltar trafen die Kapuziner beim Gebet zusammen. Die Ausstattung stammt aus dem 19. Jahrhundert. Auf den Gemälden sind der heilige Franziskus von Assisi und die heilige Klara abgebildet. In der unteren Reihe hängen Porträts der sogenannten Guardianer. Das waren die Klostervorsteher bei den Franziskanern und Kapuzinern. Zwei von ihnen haben eine besondere Bedeutung für das Kloster. Klára Mágrová:

„Pater Thaddäus Walter hatte während der Ersten Republik große Verdienste um die Instandsetzung des Klosters. Wie alle Klöster wurde auch das hiesige 1950 von den Kommunisten geschlossen, die Ordensbrüder wurden verhaftet und interniert. Zu ihnen gehörte auch Pater Leonhard, mit bürgerlichem Namen Anton Slezak, dessen Foto hier zu sehen ist. Er kümmerte sich auch 1945 um die Loreto-Kapelle. Seiner Dank wurde Rumburk, wie hier erzählt wird, zu Kriegsende gerettet. Kurz zuvor hatte die zweite polnische Armee Rumburk erreicht. Einer der Soldaten versuchte, in die Sparkasse einzubrechen. Dabei kam es zu einer Explosion, bei der der Soldat ums Leben kam. Die russischen Oberbefehlshaber drohten damals, die Stadt zu bombardieren. Pater Leonhard erklärte ihnen, dass es aus Versehen zur Explosion gekommen war. Auf seine Seite stellten sich zudem französische Gefangene, die in den Fabriken in Rumburk arbeiteten.“

Der Kapuzinerpater wurde nach dem Krieg nicht vertrieben, 1950 wurde er jedoch von den Kommunisten eingesperrt. Als er frei gelassen wurde, zog er nach Jiřetín pod Jedlovou / Sankt Georgenthal. Er war noch dabei, als hier in den 1990er Jahren das Klosterjubiläum gefeiert wurde.


Die Loreto-Kapelle in Rumburk ist von Dienstag bis Samstag geöffnet. Von April bis Oktober kann sie zwischen 10 bis 17 Uhr besucht werden, von November bis März zwischen 9 und 16 Uhr. Nach Voranmeldung sind auch Besuche außerhalb der Öffnungszeiten möglich. In der Loreto-Kapelle wird jeden letzten Dienstag im Monat um 15 Uhr ein Gottesdienst gefeiert.

 
 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 22.01.2016
 
 
 

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