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Eine Brauerei voll von edlen Tapisserien

 
photo:  (Foto: Vojtěch Ruschka)
 

In Jindřichův Hradec / Neuhaus lebt eine uraltes Handwerk neu auf, und das in einem topmodernen Umfeld. Seit etwa sieben Jahren stellt das Haus der Tapisserien in der südböhmischen Stadt die Webkunst vor. Doch wer nur Wandteppiche und Brokatvorhänge erwartet, dürfte überrascht sein. Denn in dem Museum warten ein „lebendes Exponat“ und ein ganz besonderes Juwel des Textilhandwerks auf die Besucher.

 

Man darf sich nicht verlaufen, wenn man zum Haus der Tapisserien in Jindřichův Hradec will. Das Museum liegt nämlich versteckt in einer Nebengasse hinter dem Schloss der Stadt. Wenn man es schließlich gefunden hat, ist man sich immer noch nicht ganz sicher, ob man denn nun richtig sei. Denn in der Lobby des Ausstellungshauses stößt man zuerst auf große Wannen, die früher einmal zum Bierbrauen gedient haben. Rita Škodová leitet das Haus der Tapisserien:

„Gebaut wurde das Ganze hier von den Herren von Hradec, danach wechselte das Gebäude oft seine adligen Besitzer. Ende der 1940er übernahm der staatliche Getränkehersteller Fruta die Räumlichkeiten, und bis in die 1960er Jahre wurde hier Bier gebraut. Danach stand der Bau leer und verfiel. Nach der Wende von 1989 blieb das heutige Museum in der Hand des Staates und wurde von der Stadt angemietet. Das war anders als beispielsweise beim Nebengebäude, das in privater Hand landete, ausbrannte und nun wieder in Staatsbesitz ist. Unser Museum aber wurde zusätzlich aus EU-Mittel aufgebaut und besteht seit nunmehr sieben Jahren.“

Ein Stockwerk höher sieht man sie dann endlich doch: große Webstühle, Wandteppiche in den verschiedensten Farben. Außerdem hängt überall der charakteristische Geruch von edlen Fasern. Dass das Haus der Tapisserien gerade in Jindřichův Hradec entstanden ist, war kein Zufall. Das habe mit der berühmten böhmischen Webkünstlerin Marie Hoppe-Teinitzerová zu tun, so Rita Škodová:

„Marie Hoppe-Teinitzerová hatte in Tschechien zwei Werkstätten, eine in Valasske Mezirici und eine hier. Beide sind noch funktionstüchtig, was schon an sich einzigartig ist. Auch deshalb sprechen wir bei uns von einer lebendigen Ausstellung, denn hier gibt es eine Restauratorin, die sozusagen live ihre Kunst vorführt. Sie ist sehr offen zu den Besuchern und geht ausführlich auf deren Fragen ein.“

Eine lebendige Ausstellung

Dieses lebendigste Ausstellungsstück im Haus der Tapisserien heißt Hana Tunklová. Sie sitzt zwar hinter einer dicken Glasscheibe an ihrem Webstuhl oder an einem Nähtisch über uralten Perserteppichen, man kann ihr aber auch direkt über die Schulter schauen:

„Ich bin das von meiner vorherigen Arbeit gewöhnt. Da kamen auch immer wieder Exkursionen vorbei oder die Kunden selbst. Die interessieren sich nämlich immer sehr für den Verlauf der Arbeit. Der Kontakt zu den Leuten ist also durchgehend da. Doch eines muss ich deutlich sagen: Ich brauche auch Ruhe für meine Arbeit.“

Derzeit näht Hana Tunklová an Teppichen aus der Prager Villa der Gebrüder Čapek, eigentlich wunderschöne antike Stücke aus dem Nahen Osten:

„Natürlich stellt man sich vor, wie sie mit diesen Kunstwerken gelebt haben. Dann sieht man sich aber ein bestimmtes Stück an, wie zum Beispiel jenes dort, das ich gerade unter der Nähmaschine habe. Da meint man, dass die Capeks nicht unbedingt ein inniges Verhältnis zu ihren Teppichen gehabt haben. Dieser konkret ist etwas geschunden von dem Tisch, der mal auf ihm draufstand und wahrscheinlich auch wieder draufstehen wird. Das finde ich etwas schade.“

Doch was war das interessanteste Stück, dass Hana Tunklová unter die Nadel gekommen ist?

„Für mich ist jedes Stück interessant, allein die Herkunft der Teppiche ist oft sehr spannend. Das gilt besonders für jene, die aus dem Iran oder dem Kaukasus stammen. Viele sind zudem handgeknüpft. Da muss man sich in die Meister hineinfühlen, die die Stücke hergestellt haben.“

In der Werkstatt von Hana Tunklová werden vor allem Textilien aus staatlichen Sammlungen repariert und ausgebessert. Unter anderem lagen große Wandgemälde von der Prager Burg oder aus anderen tschechischen Schlössern schon auf der Werkbank der Restauratorin. Doch auch Kostbarkeiten aus Privatbesitz werden im Haus der Tapisserien in Jindřichův Hradec aufgefrischt. Dazu Museums-Chefin Rita Škodová:

„Das funktioniert so: Frau Tunklová ist Angestellte einer Werkstatt, die einen eigenen Besitzer hat. Wir als Museum haben da also eine Kooperation. Die Werkstatt nimmt dann eigenständig Aufträge an, ob nun von staatlichen Institutionen oder von Privatleuten. Ganz oft kommen auch Anfragen zu Preisschätzungen irgendwelcher Textilien, die jemand auf dem Dachboden gefunden hat.“

Ab und zu flattere auch ein Auftrag für eine neue Tapisserie oder einen neuen Teppich ins Haus, ergänzt Škodová. Man fertige im Museum aber nur wenige Stücke, obwohl man das Gerät und das Know-how dazu durchaus habe. Wie sieht es aber bei der Meisterin Hana Tunklová aus? Ist sie selbst noch am Werk und entwirft eigene Kreationen?

„Eigene Sachen mache ich nicht mehr. Dazu habe ich weder Zeit noch Energie. Ich bin voll und ganz mit den Aufträgen hier eingespannt.“

Aber nicht nur Hana Tunklová macht das Haus der Tapisserien lebendig. Das Museum bietet auch eine ganze Reihe von Workshops an, bei denen sich Kinder und Erwachsene selbst an den Webstuhl setzen können.

Edle Gewänder und patriotische Teppiche

Zentrale Figur im Haus der Tapisserien ist ganz klar Marie Hoppe-Teinitzerová. Die Webkünstlerin wuchs in Jindřichův Hradec auf, schuf in der südböhmischen Stadt ihre wichtigsten Werke und starb dort Anfang der 1960er Jahre. Im Textil-Museum ist der Meisterin des Webstuhls ein ganzes Stockwerk gewidmet. Dort steht auch ein ganz besonderes Juwel aus dem Werk von Marie Hoppe-Teinitzerová: Es ist ein Kleidchen für das Prager Jesulein. Der Kunsthistoriker Jakub Valásek weiß mehr zu dem Gewand:

„Gewebt wurde das Stück aus Metall-Fäden, und zwar in den 1920er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Bei den Motiven sehen wir eine Mischung aus Blumen, Sternen und einem Malteserkreuz. Das Gewand wurde von den Maßen her direkt für das Prager Jesulein geschneidert, hier im Museum trägt eine originalgetreue Nachbildung das Kleid. Die Puppe hat sogar eine Krone und einen Reichsapfel.“

Leider habe das Prager Jesulein das Kleidchen nie getragen, erklärt Valášek, das Stück blieb durchgehen im Haus der Künstlerin in Jindřichův Hradec. Wie kam Marie Hoppe-Teinitzerová aber dazu, das aufwendige Bekleidungsstück herzustellen? Es sei nicht nur die Liebe zu ihrer zweiten Heimatstadt Prag gewesen, meint Jakub Valášek. Denn noch etwas viel Tieferes verband Marie Hoppe-Teinitzerová mit dem Jesuskind.

Das Haus der Tapisserien befindet sich im Schlossareal von Jindřichův Hradec. Es ist das ganze Jahr über täglich außer montags von 10:00 bis 12:00 Uhr sowie von 13:00 bis 17:00 Uhr geöffnet. Weitere Informationen zu den dort angebotenen Kursen und Workshops finden Sie auch auf Deutsch unter .

„Das Gewand ist ein Zeichen für den Glauben Marie Hoppe-Teinitzerovás. Dieser verstärkte sich, als sie irgendwann in Jindřichův Hradec ihren Mann Vladimír Hoppe kennenlernte, der sich als Philosoph mit dem Christentum befasste. Das Jesulein ist eigentlich ein Abbild der loretanischen Auslegung des Christentums, die in Prag dominant war.“

Neben dem Gewand für das berühmteste Prager Kindlein sind noch weitere Meisterwerke von Marie Hoppe-Teinitzerová im Haus der Tapisserien zu sehen. Unter anderem Vorhänge, Wandteppiche oder Bucheinbände. Die Highlights sind aber die großformatigen Tapisserien der Webkünstlerin, unter anderem die Bilder „Tiere im Wald“ und eine Reproduktion des Monumental-Wandteppichs „Tschechoslowakisches Leinen“ für die Weltausstellung in New York im Jahr 1939. Darauf sind Allegorien Böhmens, Mährens, Schlesiens und der Karpatenukraine zu sehen.

 
 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 28.12.2018
 
 
 

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