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Museum für Technik und Handwerk in Koloveč besticht durch Komplexität

 
photo:  (radio.cz)
 

Koloveč ist eine kleine, rund 1000 Einwohner zählende Gemeinde in Westböhmen und liegt 20 Kilometer nördlich von Domažlice / Taus. Der Ort wirkt ein wenig verschlafen, beherbergt anderseits aber eine Einrichtung, die es in sich hat: Das Museum für Technik und Handwerk.

 
 

Wenn man nach Koloveč gelangt, trifft man in der Ortsmitte auf einen kleinen Löschwasserteich. Hier kann man parken. Schräg gegenüber steht direkt an der Hauptstraße ein breites Haus, an am die Aufschrift „Muzeum“ prangt. Wenn man durch die Eingangspforte tritt und die Schelle läutet, wird man nicht selten vom Eigentümer persönlich begrüßt. Es ist Martin Volf, der hier lebt und arbeitet. Und der Hausherr verrät sogleich, was das Museum für Technik und Handwerk so alles zu bieten hat:

„Unser Museum ist – wie der Name bereits sagt – ausgerichtet auf die Entwicklung des Handwerks in der Zeit von 1850 bis zirka 1940. Gegenwärtig sind im Museum 67 komplette Werkstätten nebst weiteren technischen Gegenständen zu sehen. Die Ausstellung erstreckt sich auf einer Fläche von 1000 Quadratmetern und umfasst rund 7500 Exponate.“

Eine stattliche Sammlung also, die von der Familie Volf hier zusammengetragen wurde. Doch wie hat diese Sammlerleidenschaft eigentlich angefangen? Martin Volf:

„Unser Museum ist dadurch entstanden, dass mein Vater alte Uhren sammelte. Später habe ich mich davon anstecken lassen und begonnen, Gegenstände und Ausstattungen anderer Handwerke zu sammeln. So ist unser Museum Schritt für Schritt gewachsen und alle zwei, drei Jahre sind neue Ausstellungsräume hinzugekommen. Der gegenwärtige Stand ist das Ergebnis einer 25-jährigen Aufbauarbeit. Dieser Weg war zudem ein klein wenig vorgezeichnet, denn unsere Familie betreibt seit dem Jahr 1785 die Herstellung von Keramik. Dieses Handwerk wird dabei stets an den Sohn weitergegeben, ich selbst bin ein Volf-Erbe der siebten Generation. Deswegen können wir den Besuchern des Museums auch stets ein Handwerk im Original und in all seiner Vielfalt zeigen.“

7500 Exponate in 25 Jahren zu sammeln, auf den ersten Blick erscheint das nicht übermäßig viel. Doch wenn man weiß, dass all die ausgestellten Gegenstände und Einrichtungen Belege für eine längst vergangene Epoche sind, dann wird klar: Dazu braucht es vieler Helfer.

„Die bestimmt größte Unterstützung haben wir von den Besuchern unseres Museums erhalten. Sie haben uns geholfen, wertvolle Dinge ausfindig zu machen. In einer weiteren Phase half uns das Internet, und heute soziale Netzwerke wie Facebook.“

Dabei wurde nicht einfach munter drauflos gesammelt, sondern nach gewissen Vorstellungen, ergänzt Volf:

„Unsere Sammlertätigkeit bezog sich nicht nur auf die nähere Umgebung, sondern wir haben uns republikweit umgeschaut. Fakt ist zudem, dass man heute bei uns auch eine ganze Reihe von Exponaten aus dem benachbarten Bayern sehen kann. Bei der Auflösung von so manchem Haushalt haben viele Menschen Gegenstände gefunden, die wir gebrauchen konnten. Das war besonders in den 1990er Jahren der Fall, als eine Welle der Umgestaltung bei vielen Haushalten einsetzte. Ab Ende der 80er Jahre wurden viele Häuser verkauft oder an die jüngere Generation vererbt. Dabei wurden viele alte Sachen aussortiert, und wir mussten die besten davon nur noch einsammeln.“

Dass die Auswahl dennoch gründlich war, davon zeugt das sehr übersichtlich gestaltete Museum. In mehreren Räumen sind ganze Handwerksbetriebe bis in das kleinste Detail zu sehen, zum Beispiel eine Metzgerei, eine Wirtshausschänke oder ein typischer Dorfladen aus schon grauer Vorzeit. Allein das ruft bei den Besuchern große Bewunderung hervor:

„Das alles so hinzukriegen, war sehr anstrengend. Doch es hat sich gelohnt: Unseren Besuchern gefällt die Komplexität der Exponate. Sie sehen nicht nur größere Maschinen und Gegenstände, sondern auch kleinere Werkzeuge und Utensilien, die zu jedem Handwerk dazugehören. Dadurch können sie sich ein gutes Bild davon machen, wie sich Technik und Handwerk entwickelt haben. Und wenn sie Fragen haben, dann antworten wir ihnen gern.“

Bei so viel Aufwand und Liebe zum Detail kann eigentlich die Frage nicht ausbleiben, welche der vielen Exponate für ihn als Museumsleiter am wertvollsten sind. Martin Volf wollte sich bei seiner Antwort aber nicht auf einzelne Sachen festlegen:

„Das älteste Ausstellungsstück zu benennen, ist nicht einfach. Doch was wir genau sagen können, ist das Alter mehrerer Uhren. Darunter ist eine Standuhr aus dem Jahre 1720, und das ist bestimmt unser ältestes und wertvollstes Exponat. Wenn ich aber persönlich eine Einrichtung zu nennen hätte, die für mich den größten Sammlerwert besitzt, dann sind dies unsere beiden Zahnarztpraxen. Genauer gesagt sind es die Praxis eines Dentisten und die eines Zahnarztes. Beide Praxen sind in etwa gleich alt, doch in der Zusammensetzung schon unterschiedlich. Denn ein Dentist war zur damaligen Zeit nur ein praktizierender Medizinlehrling, der Zahnarzt aber ein anerkannter Facharzt. Der Dentist durfte daher auch nicht alle Behandlungen selbst durchführen, entsprechend kleiner war auch seine Ausstattung.“

Zwar hat das Museum viel zu bieten, aber es gibt noch Reserven. So sind Besuche von Schulklassen bisher eher selten. Doch auch da sei man auf einem guten Weg, so Volf:

„Wenn Sie mich nach dem Schulungseffekt des Museums fragen, so muss ich antworten: Wir haben hier noch eine kleine Bringschuld. Daran wurde zu wenig gedacht. Dies drückt sich letztlich auch darin aus, dass wir gegenwärtig nicht genügend Lehrlinge für ein Handwerk haben. Die meisten unserer Jugendlichen wollen das Abitur machen, auch weil viele von ihnen glauben, dass ihnen vom Handwerk die Hände schmerzen. Eine Verbesserung ist jedoch in Sicht. So will das Bildungsministerium Anreize schaffen, dass die Kinder vermehrt auch solche Einrichtungen wie die unsrige besuchen, um ihr Wissen zu erweitern. Und hierbei genießen wir fast schon eine Ausnahmestellung. Sie besteht darin, dass – wie schon gesagt – die Ausstattung der Handwerke, die wir ausstellen, zu 100 Prozent komplett sind.“

Nach Aussage von Martin Volf wird das Museum für Technik und Handwerk in Koloveč jährlich von 6000 bis 7000 Menschen besucht. Und auch auf ausländische Gäste ist die Einrichtung bestens vorbereitet: Auf den meisten Exponaten sind fachmännische Begriffe auch in Deutsch und Englisch nachzulesen.


Ein guter Service des Museums sind zudem die besucherfreundlichen Öffnungszeiten. Denn es hat seine Pforten täglich – auch an Sonn- und Feiertagen – von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Und sollte jemand außerhalb der Öffnungszeiten an die Tür klopfen, dann werde er trotzdem nicht abgewiesen, betont Inhaber Martin Volf.

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 18.08.2017
 
 
 

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