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Russischer Adeliger rettet Schloss vor Abriss

 
photo:  (Schloss Savoia (Foto: Katerina Ayzpurvit))
 

Aus Russland über die Toskana nach Škvorec bei Prag.

 
 

Die Gemeinde Škvorec liegt am östlichen Rande Prags, etwa fünf Kilometer von der Hauptstadt entfernt. Ein rotes Schloss ist die Dominante des Ortes. Es trägt heute nicht mehr den Namen des umliegenden Dorfes, sondern wurde von seinem neuen Besitzer in Schloss Savoia unbenannt.

In Škvorec findet man eigentlich gleich zwei Schlösser. Das eine steht an der Stelle der ursprünglichen Burg aus dem 13. Jahrhundert. Das andere wurde in der Barockzeit errichtet und beherbergte die Büros der Obrigkeit. Auch heute findet man die Geschäftsräume verschiedener Firmen im sogenannten Neuen Schloss, genauso wie Wohnungen. Das Alte Schloss wiederum lädt seit über einem Jahr zu einem Besuch ein. Dmitry Eremeev hat es vor neun Jahren gekauft und zum heutigen Glanz gebracht.

„Ich habe da nichts zu sagen gehabt. Alles hat meine tschechische Schwiegermutter entschieden. Erstens war das Schloss relativ klein. Es schien, dass man nicht so viel Geld investieren muss. Zweitens war der Preis von 8 Millionen Kronen, für den wir es erworben haben, vernünftig. Und wichtig war auch, dass Škvorec in der Nähe von Prag liegt.“

Noch vor zehn Jahren war das Schloss in Škvorec eine Ruine. Es hatte kein Dach, manche Gebäudeteile lagen in Trümmern. Das Kulturministerium hat das Baudenkmal bereits in eine Liste von Bauten eingetragen, die zum Abriss bestimmt waren. Heute hängt im Arbeitszimmer des Schlossherrn eine Urkunde, die belegt, dass das Schloss 2015 aus jener Liste gestrichen wurde. Die Mühe bei der Rettung des Schlosses habe er nie bedauert, sagt Eremeev.

„Solche Gefühle könnten etwa nach einem dritten Bier kommen. Aber ich habe keine Zeit, in eine Kneipe zu gehen. Und daher habe ich auch keine Zeit, zu bedauern.“

Dmitry Eremeev stammt aus Russland und ist Nachkomme des Adelsgeschlechts Nostitz. Wenn er „wir“ sagt, sind damit er selbst und seine Frau Monica gemeint. Frau Eremeev hat teils tschechische, teils italienische Wurzeln. Väterlicherseits stammt sie aus dem italienischen Adelsgeschlecht Salvatore. Eben in Italien hat die Familie bis zu ihrem Umzug nach Škvorec gewohnt.

„Das Schloss ist eine Fortsetzung des Lebensstils, den wir in Italien geführt haben. Dort haben wir einen ähnlichen Sitz besessen. In der Toskana, in einem sehr kleinen Ort in der Region Chianti. Dort haben wir Wein angebaut, Olivenöl produziert und Landwirtschaft betrieben.“

Monica Ermeneev knüpft an diese Aktivitäten auch in Škvorec an. Sie hat sich dort ihren Traum erfüllt und ein kulinarisches Studio geöffnet. In ihrer Akademie der italienischen Küche, die sich in den ehemaligen Pferdeställen befindet, bietet sie Kochkurse an.

Das kulinarische Studio ist nicht das einzige, was im Schloss für die Öffentlichkeit zugänglich ist. In den renovierten Räumen können die Besucher heute unter anderem den Schlossempfang aus der Renaissance mit einer Waffensammlung, der Monica-Kapelle, Appartements mit Sgraffito-Dekorationen an den Wänden sowie den englischen Garten besuchen. Der frühere Wintergarten dient heute als Konzertsaal.

„Wir haben das Schloss vor einem Jahr für Besucher geöffnet. Wir bieten hier drei oder vier Kulturveranstaltungen monatlich an, wie etwa Picknicks und Konzerte. Unter anderem veranstalten wir Auftritte emeritierter Mitglieder der Tschechischen Philharmonie. Sie sind sehr beliebt.“

Bauelemente aus Gotik, Renaissance und Barock sind im Adelssitz erhalten geblieben. Bei der archäologischen Forschung wurden im Hof Baufundamente eines einzigartigen runden Verteidigungsturms aus dem 13. Jahrhundert gefunden. Seit 1279 war ein hoher Hofbeamter der erste Besitzer der Burg: Domaslav war Truchsess, Mundschenk, oberste Kämmerer sowie der Burggraf der Prager Burg. Aus der ersten Bauetappe stammt ein tiefer Brunnen sowie ein Teil der Burgmauer mit Überresten des Palastes und des bereits erwähnten Turms.

Mehrere bedeutende Persönlichkeiten lösten sich im Laufe der Jahrhudnerte im Besitz des Adelssitzes ab. Siegmund Smiřický von Smiřice ließ die Burg 1545 in ein repräsentatives Schloss umbauen. Durch die Konfiszierung der Güter dieser böhmischen Adelsfamilie 1621nach der Schlacht am Weißen Berg fiel das Schloss Albrecht von Wallenstein zu. Der Feldherr verkaufte es ein Jahr später an Karl von Liechtenstein. Im Dreißigjährigen Krieg brannte das Herrenhaus schließlich aus. Einen umfangreicheren Umbau verdankt es der Fürstin Maria Theresia von Savoyen und Liechtenstein, die es im 18. Jahrhundert besaß. In Erinnerung an diese Dame, die für ihre große Menschenliebe bekannt war, trägt das Schloss heute den Namen Savoia.

„Wir bieten hier kommentierte Führungen. Der Schreiber der Gemeindechronik von Škvorec arbeitet dabei mit uns zusammen. Auch wenn ein Privatbesuch zu uns kommt, zeigen wir ihm, was im Schloss zu sehen ist. Wir machen keine große Werbung dafür, trotzdem spielt sich aber im Schloss das öffentliche Leben ab.“

Das Schloss Savoia ist zudem als ein Ort für Trauungen und Hochzeiten sehr gefragt. Models lassen sich dort für ihre Portfolios fotografieren, und die Innen- und Außenräume werden auch als Filmkulisse angeboten.

Sei es auf Grund von Erfahrungen oder Vorurteilen – Unternehmer aus Russland sind in Tschechien in den letzten Jahren zu einem schlechten Ruf gekommen. Dmitry Eremeev betont aber, er sei nie auf schlechte Reaktionen auf seine Tätigkeit gestoßen und fühle sich hier zufrieden:

„Ich bin kein Unternehmer. Ich halte dieses Haus eher für mein Hobby. Wäre ich in eine Kneipe gegangen, hätte ich wohl mehr erfahren. Aber objektiv gesagt: Bei meinen Kontakten mit dem Denkmalschutzamt, dem Bauamt und dem Bürgermeister im Dorf habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht.“

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 20.10.2017
 
 
 

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