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Wiederentdeckt in der Pilsener Südvorstadt: Interieurs von Adolf Loos

 
photo:  (Anna Šubrtová (Foto: Martina Schneibergová))
 

Die westböhmische Metropole Plzeň / Pilsen ist neben dem belgischen Mons Europäische Kulturhauptstadt 2015. Im Rahmen der Eröffnungsfeierlichkeiten zur Kulturhauptstadt wurde in Pilsen eine Reihe von Führungen gestartet, bei denen weniger bekannte Baudenkmäler und interessante Orte besichtigt wurden. In der Südvorstadt von Pilsen befinden sich beispielsweise einige Interieurs, die der namhafte Architekt Adolf Loos entwarf.

 

Der Spaziergang durch die Südvorstadt von Pilsen beginnt an der Ecke der Straßen Klatovská und Hruškova. Vom Stadtzentrum – genauer gesagt von Sady Pětatřicátníků – sind es vier Haltestellen, aussteigen muss man bei der Haltestelle Dobrovského. Das Haus in der Klatovská Nr. 110 wurde in den 1920er Jahren für die Angestellten der Škoda-Werke erbaut. 1932 kauften es Jana und Oskar Semler, sagt die Kunsthistorikerin Anna Šubrtová. Sie führt die Besucher durch Pilsen:

„Die Semlers entschieden sich, das Interieur ihrer Wohnung in diesem Haus neu zu gestalten und hatten vor, den Architekten Adolf Loos anzusprechen. Oskar Semlers Bruder Hugo hatte mit diesem bereits Erfahrungen gemacht, er hatte sich von ihm im Haus in der Klatovská Nr. 19 einrichten lassen. Erste Entwürfe für das Interieur besprach Semler mit Loos persönlich. Umgesetzt hat sie aber ein hoch talentierter Schüler und Mitarbeiter von Loos, Heinrich Kulka. Er richtete sich beim Umbau des Interieurs nach dem sogenannten ´Raumplan´. Bei diesem ´Raumplan´ weisen die in verschiedenen Niveaus liegenden, und an kein durchgehendes Stockwerk gebundenen Räume des Hauses je nach Zweck und Größe unterschiedliche Höhen auf. Der ´Raumplan´ ist aber keine Erfindung von Adolf Loos. Er war bereits aus verschiedenen öffentlichen Gebäuden des 19. Jahrhunderts bekannt. Der Beitrag von Loos besteht nun aber darin, dass er es wagte, den Raumplan für private Interieurs umzusetzen.“

Zurzeit ist das Interieur nicht zu besichtigen, weil es in Stand gesetzt wird. Den Hauptraum bildet eine hohe Wohnhalle, die sich über zwei Etagen erstreckt. Momentan kann man aus dem Hof nur die großen Fenster sehen, durch die sehr viel Licht in die Räumlichkeiten fällt. Früher gab es dort noch einen kleinen Wintergarten. Das zentrale Element war ein Kamin. Dieser sei für die von Loos entworfenen Wohnungen typisch, sagt Anna Šubrtová:

„Bei der Raumgestaltung wurden Luxusmaterialien genutzt wie Marmor und exotisches Holz. Der Architekt entwarf für das Interieur einige Spiegelwände. Diese haben das Licht reflektiert und damit den Raum optisch vergrößert. Für die Ausstattung des Speisesaals wurde dunkles Holz verwendet, das dem Raum einen japanischen Anhauch verlieh.“

Die Westböhmische Galerie, die die ehemalige Residenz der Familie Semler momentan renoviert, möchte das Haus der Öffentlichkeit zugänglich machen. In Zukunft soll dort ein Dokumentationszentrum für die Architektur des Kreises Pilsen vom 19. bis zum 21. Jahrhundert entstehen. Außerdem plant die Galerie dort eine Dauerausstellung über die von Adolf Loos in Pilsen entworfenen Interieurs. Neben dem Werk von Loos soll die Ausstellung auch das Schicksal seiner Kunden aus der jüdischen Gemeinde von Pilsen dokumentieren. Viele wurden in Konzentrationslagern ermordet. Jana und Oskar Semler konnten jedoch 1939 vor den Nazis flüchten, sie ließen sich in Australien nieder. Im Sommer vergangenen Jahres besuchte ihr Sohn Willy Semler mit seiner Tochter und seinem Enkelsohn die frühere Heimat seiner Eltern. Mit nach Pilsen brachte er Gegenstände aus dem Familienarchiv sowie Tonbandaufnahmen mit den Erinnerungen seiner Mutter Jana Semler.

In einem unauffälligen Haus, nicht weit entfernt von der Residenz der Familie Semler befinden sich Räume, die ebenfalls von Adolf Loos gestaltet wurden. Erst vor vier Jahren entdeckte Karel Zoch, ein Mitarbeiter des Pilsener Denkmalschutzes, ein Loos-Interieur in der ersten Etage des Hauses in der Klatovská-Straße Nr. 140 wieder. Die Expertin:

„Die Wohnung ließ sich der Unternehmer Leo Brummel von Loos entwerfen. Brummel war Mitbesitzer einer lederverarbeitenden Fabrik. Leos Bruder Jan Brummel besaß ein Haus in der Husova-Straße in der Nähe des Busbahnhofs. Das dortige von Loos entworfene Interieur wird momentan in Stand gesetzt und im Frühjahr für Besucher geöffnet. Die Wohnung von Leo Brummel in der Klatovská war im Vergleich mit der Wohnung seines Bruders viel bescheidener. Leo Brummel ließ zwei seiner Zimmer von Adolf Loos in einen Speisesaal umgestalten. Später wurde die Wohnung einige Mal umgebaut, und von dem wertvollen Raum ist nur ein Teil erhalten geblieben. Ursprünglich waren die Wände mit dunklem und rotem Holz verkleidet. Dies erinnerte genauso wie in der Wohnung der Familie Semler an japanische Interieurs.“

In den 1960er Jahren bemühten sich Denkmalschutzexperten um einen Eintrag von Leo Brummels Wohnung in die Liste der immobilen Kulturdenkmäler. Dies ist damals jedoch nicht gelungen. Erst 2011, nach der Neuentdeckung durch Karel Zoch, konnte das nachgeholt werden. Der Besitzer der Wohnung wurde mit seiner Familie ins Konzentrationslager deportiert. Kein Mitglied der Familie Brummel überlebte den Holocaust.

Leo Brummels Wohnung in der Pilsener Südvorstadt befindet sich direkt gegenüber vom Friedensplatz (náměstí Míru). An der Nordseite des Platzes stehen zwei Häuser mit auffallenden, reichlich geschmückten Fassaden. Die Gebäude gehörten Antonín Müller und Vojtěch Kapsa, den Eigentümern der 1891 gegründeten Baufirma Müller-Kapsa. Das Unternehmen hatte vor allem in der Region Pilsen viele Aufträge. Den größten Aufschwung erlebte die Firma in der zweiten Generation, als die Söhne der Begründer, František und Lumír, die Firma leiteten. Anna Šubrtová:

„Die Familien Müller und Kapsa waren miteinander verwandt. Die Familienmitglieder wohnten in den oberen Etagen der Häuser, unten gab es Projektionsbüros. Für die damalige Zeit waren die Häuser sehr modern eingerichtet. Die Fassaden der beiden Häuser sind mit Porträts von Baumeistern und Architekten geschmückt, die bedeutende historische Sehenswürdigkeiten errichtet haben. Die Reihe beginnt mit Matthias von Arras und Peter Parler, den Baumeistern des Prager Veitsdoms. Es folgt das Porträt von Matěj Rejsek, der den Pulverturm in Prag baute. Die Barockzeit repräsentiert Kilian Ignaz Dientzenhofer. Als Vertreter der architektonischen Epoche des Historismus sind auf der Fassade Josef Mocker und Josef Schulz abgebildet. Im Jahr 1900, als diese Häuser erbaut wurden, wurde Schulz auf der Weltausstellung in Paris für seine Arbeit mit einer Bronzemedaille ausgezeichnet. Schulz baute das durch einen Brand beschädigte Prager Nationaltheater wieder auf. Zudem entwarf er das Gebäude des Nationalmuseums.“

Nachdem František Müller die Leitung der Baufirma Müller & Kapsa übernommen hatte, zog er nach Prag. Im Stadtteil Střešovice baute Adolf Loos dort für ihn die berühmte Villa Müller. Die Wohnung in Pilsen vermietete Müller an das Ehepaar Beck. Otto und Olga Beck hatten zuvor in der Klatovská-Straße Nr. 12 gewohnt. Auch das dortige Interieur stammte aus der Hand von Adolf Loos, entworfen hat er es in den Jahren 1907-1909. Familie Beck ließ das Interieur auseinandernehmen und zog damit in die neue Wohnung. Die Expertin:

„Die Familie wohnte in diesem Haus nur 10 oder 15 Jahre lang. Ihre Tochter Claire Beck heiratete 1929 Adolf Loos, obwohl ihr Vater nicht damit einverstanden war. Claire war 35 Jahre jünger als Loos, sie war seine dritte Ehefrau. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs übersiedelte Claire Beck-Loos mit ihrer Mutter nach Prag. Sie wurden beide in Konzentrationslager deportiert. Olga starb in Theresienstadt, Claire in Riga.“

Die Familie Beck und ihre Bekannten gehörten zu den ersten Kunden von Architekt Adolf Loos. Ihre erste Wohnung in der Klatovská-Straße Nr. 12 baute Adolf Loos Ende der 1920er Jahre für den Arzt Josef Vogel um. Der ursprüngliche Salon und der Speisesaal wurden nach einer Renovierung im letzten Jahr für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

 
 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 30.01.2015
 
 
 

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