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Auf schmalen Brettern durch Tschechiens Mitte

 
photo:  (radio.cz)
 

Besonders hoch geht es hier nicht hinauf: Nur auf rund 800 Meter kommen die Hügel der Böhmisch-Mährischen Höhe. Doch die Mitte Tschechiens bietet sehr gute Bedingungen zum Langlaufen. Und die schmalen Bretter erleben hierzulande ohnehin eine Renaissance.

 

Die Fans des Biathlons kennen die Gegend zumindest von den Live-Übertragungen der Weltcuprennen. Kurz vor Weihnachten starteten erneut die besten Skijäger der Welt in Nové Město na Moravě / Neustadt in Mähren – angefeuert von über 30.000 begeisterten Zuschauern.

Die Böhmisch-Mährische Höhe (Vysočina) ist aber vor allem ein Langlaufzentrum. Pavel Benc hat Tschechien früher in dieser Sportart bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen repräsentiert. Heute ist er beim Skiverband des Landes tätig. Er beobachtet auch im Breitensport einen neuen Trend:

„Lange Zeit gab es hierzulande mehr Alpinskifahrer, aber in den vergangenen Jahren hat der Langlauf einen ganz schönen Boom erlebt. Das zeigt sich etwa bei der Zahl der im Verband registrierten Sportler. Früher haben uns die Abfahrer immer um Längen geschlagen, mittlerweile liegen wir mit ihnen aber gleichauf. Daraus folgere ich, dass wir auch im Breitensport den Anschluss gefunden haben.“

Historisch betrachtet ist es eine Rückkehr zu den Wurzeln des Skilaufs. Noch zu Zeiten der k. u. k. Monarchie kamen die ersten Bretter in die damaligen Böhmischen Länder. Der junge Sohn einer wohlhabenden Familie aus Prag hatte diese aus einem Katalog in Norwegen bestellt.

„Es war Josef Rössler-Ořovský, der die ersten Ski hier herbrachte, im Übrigen ein hervorragender Sportler. Er war zudem unternehmerisch sehr aktiv. Pikant ist dabei, dass er die ersten Ski in Prag auf dem Wenzelsplatz ausprobierte. Später war er auf den Brettern auch im heutigen Park Stromovka unterwegs. Am meisten hat sich aber Graf Jan Nepomuk František Harrach um den Langlauf verdient gemacht. Er brachte fünf Jahre später gleich zwei Paar Ski hierher, eines aus Norwegen, das andere aus Wien. Er wollte die Waldarbeiter auf seinen Ländereien entsprechend ausstatten. Deswegen ließ er in Horní Branné und weiteren Orten etwas Eigenes anfertigen. So kam es zu den ersten tschechischen Holzski“, so Pavel Benc.

Die Ski von Tischler Slonek

Aus dem Riesengebirge gelangten die Bretter dann in weitere Gegenden des Landes. So auch auf die Böhmisch-Mährische Höhe, die für ihre langen und kalten Winter bekannt ist. Dort war es unter anderem der Schreiner Adolf Slonek, der erste Ski anfertigte. Sein Enkel Ladislav Slonek hat viele Jahre lang den Skisportklub in Nové Město geleitet. Der Forstwissenschaftler von der Mendel-Universität in Brno / Brünn organisierte unter anderem das Rennen „Zlatá lyže“ (Goldener Ski). Dieses hat viele Jahre lang zu den Veranstaltungen des Langlauf-Weltcups gehört. Ladislav Slonek schildert die Geschichte über den Einzug der Ski in seine Heimat:

„1892 führte der Waldarbeiter Rudolf Gabessam seinen Kollegen vor, wie man sich auf Ski von Pferden ziehen lassen kann. Ein Wirt namens Kosek probierte dann anhand dessen, was er gesehen hatte, ein eigenes Paar Bretter herzustellen. Doch vor allem die Biegung der Skispitze wollte ihm nicht gelingen. Er probierte es in der Küche mit heißem Wasser, das er in einem Topf erhitzt hatte. Seine Frau verlor indes die Geduld und schmiss ihn und die Ski aus dem Haus. Kosek suchte deswegen den Schreiner- und Tischlermeister Adolf Slonek in Rokytno auf, also meinen Großvater. Und der hatte keine Probleme, die gewünschten Ski nach der Vorlage zu fertigen. So kam der Wirt Kosek doch noch zu seinen Brettern.“

Die Begeisterung griff über. Nur wenige Jahre später fanden in der Region zum Beispiel die ersten Skiwettbewerbe statt. Und die Beliebtheit der Bretter stieg weiter.

Heute werden rund um Nové Město na Moravě über 100 Kilometer Loipen gespurt. Und zwar für die klassische Technik, also Parallelschritt und Doppelstock. In den benachbarten Orten wie Žďar nad Sázavou, Svratka und Ždírec nad Doubravou schließen sich aber weitere 200 Kilometer an. Denn die hügelige Gegend und das Klima laden genau dazu ein.

„Wir haben hier keine Achttausender, sondern Achthunderter. Aber wir liegen in einem kalten Streifen. Auf Satellitenbilder aus dem Winter kann man häufig erkennen, dass Nové Město na Moravě so eine verschneite Insel in der Gegend ist. Das Landschaftsprofil lässt sich zum Beispiel mit der Langlaufregion Dalarna in Schweden vergleichen. Dort gibt es ebenfalls keine steilen Hänge, aber alljährlich findet der berühmte Wasa-Lauf statt. Auch bei uns ist die Landschaft eher etwas romantischer und angenehm zum Langlaufen. Nicht dass es hier nicht auch mal einen steilen Anstieg auf der Loipe geben würde, aber das ist eher die Ausnahme. Man kann ansonsten einfach schön durch die Landschaft gleiten“, findet Ladislav Slonek.

Achthunderter statt Achttausender

Der ehemalige Leistungssportler Pavel Benc kann Slonek da nur zustimmen. Er zieht zudem einen Vergleich zu den höchsten tschechischen Bergen, dem Riesengebirge im Norden des Landes:

„Das Terrain hier ist weitläufig und angenehm. Zwar gibt es auch im Riesengebirge gute Loipen, die sind aber eher für anspruchsvolle und gut trainierte Langläufer. Rund um Žďar nad Sázavou und Nové Město na Moravě haben die Strecken ein natürliches Profil und eignen sich auch für Normalsterbliche. In diesem Punkt bestehen Ähnlichkeiten mit dem Isergebirge. Auch dort sind die Berge nicht so steil, und jeder Langläufer findet einen Kurs, der seinen konditionellen Fähigkeiten entspricht.“

Den Vergleich wählt Benc nicht zufällig. Seine Heimat ist das Isergebirge, er stammt aus Jablonec nad Nisou / Gablonz an der Neiße. Von dort sei er die ganze Woche über gut gespurte Loipen gewöhnt, wie er sagt:

„Das lässt sich heutzutage aber über alle tschechischen Mittelgebirge sagen – ob Böhmerwald, Adlergebirge, Böhmisch-Mährische Höhe, Erzgebirge oder Altvatergebirge. Auch die Gegenden, in denen früher eher Abfahrt betrieben wurde, haben heute gute Loipen. Meist kümmern sich die jeweiligen Gemeinden um die Pflege, und die örtlichen Unternehmer, die daran mitverdienen, sponsern das. Das Angebot ist mittlerweile wirklich groß.“

Der Forstwissenschaftler Ladislav Slonek lenkt das Gespräch aber noch einmal auf seine Heimatstadt Nové Město na Moravě und das Wintersportzentrum Vysočina Aréna. Während dort im Winter der Biathlon-Weltcup ausgerichtet wird, finden im Sommer vor allem Mountainbike-Rennen statt. Nun soll aber nach mehreren Jahren auch wieder der Langlauf-Weltcup dorthin zurückkehren.

„Das ist für mich eine große Genugtuung. Weltcup-Rennen dürfen nur jene Wintersportzentren veranstalten, die die besten Loipen haben – also solche, die den Regeln des Ski-Weltverbandes FIS entsprechen. Zudem muss das Drumherum stimmen, sowohl die Räumlichkeiten für die Sportler als auch für die Journalisten und Fernsehstäbe. Und besonders beim Biathlon ist das Zuschauerinteresse mittlerweile unglaublich hoch. Zu den Weltcuprennen im Dezember kamen regelmäßig bis zu 33.000 Fans. Da ist gute Organisation nötig und viel Arbeit. Das ist nicht wie früher, als eine Loipe reichte und ein Gasthaus für alle“, so Slonek.

In diesem Jahr ist das Rennen „Goldener Ski“ immerhin bereits Teil des Europacups. Aber teilnehmen kann jeder. Der Startschuss erfolgt am Samstag dieser Woche mit Strecken zwischen 14 und 50 Kilometer Länge.


Mehr Informationen zur Langlaufregion Nové Město na Moravě und Vysočina finden Sie unter den Internetseiten https://lyzovani.nmnm.cz/, und .

 
 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 18.01.2019
 
 
 

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