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Wie im Mittelalter: Wohnturm Malešov

 
photo:  (radio.cz)
 

Das mittelalterliche Feste Haus diente jahrhundertelang als Speicher. Heute hat es seine ursprüngliche Gestalt zurück.

 
 

Malešov / Maleschau ist ein kleiner Ort in Mittelböhmen. Er liegt sechs Kilometer südwestlich von Kutná Hora / Kuttenberg, und zwar an einem Stausee des Flüsschens Vrchlice. Über dem Wasser ragt eine Kleinburg auf. Ihr Besitzer, Ondřej Slačálek, lädt uns zur Besichtigung seines Hauses ein.

„Malešov ist ein sogenannter Wohnturm. Dieser Typ der sogenannten Festen Häuser war hier in der Region sehr häufig. Im Mittelpunkt steht ein mächtiger Turm – übrigens der höchste in Böhmen.“

Soweit der neue Burgherr, Ondřej Slačálek. In einer Quelle aus dem Mittelalter wird Malešov als castrum et oppidum beschrieben, das heißt sogar als eine Burg. Später sei diese Benennung aber gestrichen worden, erzählt Slačálek. Wenn er selbst wählen könnte, würde er lieber Besitzer eines großen Festen Hauses sein als einer kleinen Burg. Und so sieht sein Heim von außen aus:

„Rund um den Turm erstreckt sich ein Streifen der inneren Mauer. Früher waren in diese drei kleineren Türme integriert. Einen davon haben wir teilweise renoviert. Es ist jener, in dem wir uns nun befinden. Ein zweites Türmchen wurde 1862 durch einen Blitzschlag zerstört. Und vom dritten Türmchen sind nur noch zwei Wände erhalten.“

Castrum et oppidum

Ondřej Slačálek hat vor 15 Jahren das Baudenkmal gekauft. Die halbverfallene Ruine hat er inzwischen instandgesetzt – zum Großteil mit eigenen Händen und mit Hilfe seiner Freunde und Familienmitglieder. An die innere Burgmauer schließt sich die äußere Burganlage an. Das Tor, durch das man heute den Burghof betritt, befindet sich am selben Ort wie jenes aus dem Mittelalter:

„Im Burghof haben wir ein Blockhaus errichtet, es soll das Wohngebäude des Burggesindels symbolisieren. Am Ort des Blockhauses stand einst ein Palais. Durch das Palais hindurch gelangte man zur Brücke über den Burggraben. Er trennte den Felsenvorsprung, auf dem das Feste Haus steht, vom Rest des Dorfes. Im 19. Jahrhundert wurde der Graben zum Teil zugeschüttet und zum Teil mit Gewölbe überdacht und in einen Brauereikeller umgewandelt. Wir nutzen diese Räume bis heute.“

Der Ort Malešov / Maleschau ist 1303 erstmals urkundlich erwähnt worden. Karl IV. gestand ihm 1340 das Marktrecht zu. Am 11. November 1421 nahm Jan Žižka den Ort ein. Am 7. Juni 1424 besiegte ein Kontingent radikaler Hussiten unter dem Kommando von Žižka in der sogenannten Schlacht bei Maleschau ein gemeinsames Heer der gemäßigten Prager Hussiten und des katholischen Adels. In den nachfolgenden Jahrhunderten wechselten die Besitzer von Malešov immer wieder. Das Feste Haus war bis Ende des 17. Jahrhunderts bewohnt, dann wurde es bei einem Brand zerstört. Das Hauptgebäude diente seitdem als Getreidespeicher. Alles, was man dort heute vorfindet, wurde von Ondřej Slačálek neu gemacht.

„Wir wollten das Haus so gestalten, wie es im ausgehenden Mittelalter ausgesehen haben könnte. Im Erdgeschoss ist eine schwarze Küche. Im ersten Obergeschoss ist ein repräsentativer Raum, in dem einst wohl Besucher empfangen wurden. Da das Gebäude nicht so groß ist, haben wir hier auch eine Waffensammlung untergebracht. Wir haben eine Abbildung aus dem späten 15. Jahrhundert gefunden, die Söldner am Tisch sitzend zeigt, und ihre Waffen hängen über ihnen an Haken an der Wand. Wir haben mit der Gestaltung des Raumes das Ende des 15. Jahrhunderts wieder aufleben lassen.“

M liebte die Farben

Im zweiten Stockwerk kommen wir in die reich dekorierten Privaträume des Hausbesitzers.

„Wir stehen nun in dem Schlafzimmer. Im Mittelalter hatte man oft das Problem, die Räume warm zu halten. In Gebäude aus Stein wurden oft Innenräume aus Holz hineingebaut. Sie hatten einen Kamin oder einen Kachelofen. Wir haben eine funktionsfähige Replik eines mittelalterlichen Kachelofens.“

In der nahen Bergstadt Kutná Hora sind zum Beispiel bis heute viele solcher Holzkonstruktionen erhalten. In Malešov ist man darauf nicht gestoßen, bei der Restaurierung wurde daher eine andere Variante gewählt und das Zimmer mit Holz verkleidet. Dazu hat er handgehobelte Bretter mit handgemachten Nägeln an die Wände geschlagen. Nachfolgend kam Farbe in den Raum:

„Viele Menschen glauben fälschlicherweise, dass das Mittelalter dunkel und grau gewesen sei. Im Gegenteil. Man liebte damals Farben. Sie bewiesen häufig, wie reich man war. Die Farben wurden aus Leinöl, Eiern und Pigmenten gefertigt. Und da die Pigmente oft importiert werden mussten, waren sie teuer. Wenn man ein Zimmer ausmalen oder bunte Kleidung tragen konnte, war dies der Beweis, dass man sich das leisten konnte.“

Die Wände im Schlafzimmer wurden mit Hilfe einer Schablone dekoriert. Er habe eine Maltechnik gebraucht, die im Mittelalter üblich gewesen sei, betont der Hausbesitzer:

„Damit konnte Handwerk in Kunst verwandelt werden. Es war teuer, einen Künstler anzustellen, um die Wände mit Figuren und weiteren dekorativen Elementen zu bemalen. Deswegen wurde eine Schablone aus Bleiblech oder Leder zurechtgeschnitten. Diese drückte man an die Wand und trug mit einem Pinsel die Farbe auf. Dadurch entstand das erwünschte Bild.“

Zugbrücke hoch!

In der zweiten, also der obersten Etage verlassen wir das Haus. Aus Sicherheits- und Verteidigungsgründen befand sich ursprünglich eben dort in der Höhe der Haupteinlass in den Turm:

„Hier stehen wir an dem einstigen Eingang in die Burg. Als ich das Haus gekauft habe, war die Öffnung zum Teil zugemauert, aber mit einem Fenster. Ich habe die Öffnung vergrößert und das Portal bei einem Steinmetz restaurieren lassen. Anschließend hat ein Zimmermann mir die Bauteile für eine Seilwinde geliefert. Sie ist heute funktionsfähig: Man kann damit die Zugbrücke hochziehen.“

Wenn die Zugbrücke jedoch heruntergelassen ist, gelangt man in ein Treppenhaus aus Holz. Das führt den Besucher hinunter in den Burghof.

„Bei all unseren Holzkonstruktionen haben wir die Technik verwendet, die im Mittelalter üblich war. Ein Freund von mir ist Zimmermann. Er hat runde Baumstämme hier hergebracht. Mit einer Axt hat er sie zu eckigen Formen behauen und die Balken mit hölzernen Klammern und Klötzen verbunden. Alles genau wie im Mittelalter.“

Durch das Feste Haus in Malešov werden keine regelmäßigen Führungen angeboten, die Burganlage lässt sich aber zu besonderen Gelegenheiten besichtigen. So zum Beispiel bei der alljährlichen Veranstaltung, die sich „Die Eroberung von Malešov“ nennt. Oder aber bei der regelmäßigen Weihnachtsfeier in der Adventszeit.

 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 06.10.2017
 
 
 

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