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Baťas Zlín: Ein Industriejuwel mit viel Stil

 
photo:  (radio.cz)
 

Das ostmährische Zlín ist eine Perle des sogenannten Funktionalismus der Zwischenkriegszeit. Die gesamte Planung der Stadt richtet sich nach den Industrieanlagen der Stadt, und das auch vom Stil her. Hinter der Zweckarchitektur steht vor allem der Schuhhersteller Baťa.

 

Funktion vor Form und Schönheit, das ist das Wesen des Funktionalismus. Diese Stilrichtung in Architektur und Design erlangte nach dem ersten Weltkrieg unter dem Begriff „Neues Bauen“, „Bauhaus“ oder „Neue Sachlichkeit“ als gestalterisches Prinzip eine immer größere Beachtung. Doch wie kam es dazu, dass ganz besonders der mährische Teil der damals noch jungen Tschechoslowakei ein Zentrum des Funktionalismus wurde? Hinter dieser Frage steckt vor allem ein Name – Tomáš Baťa. Im Jahre 1894 hatte der Unternehmer die nach ihm benannte Schuhfabrik gegründet. Von dem schnellen Wachstum des Werks profitierte auch die Stadt. Ladislava Horňáková ist die Leiterin der Fachabteilung für Kunst- und Stadtgeschichte an der Regionalgalerie Zlín. Sie schildert, wie der Aufstieg der Stadt seinen Anfang nahm.

„Zlín hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht einmal dreitausend Einwohner. Bis zum ersten Weltkrieg wuchs die Stadt noch relativ langsam. Doch nach dem Krieg und dem Wirrwarr danach begann Baťas Fabrik und so auch Zlín enorm zu expandieren. Obwohl diese Gegend, wie der Unternehmer später selbst zugab, eigentlich kein guter Standort war. Denn hier fehlte es zunächst an allem: an Menschen, an Fachkräften. Es gab weder einen großen Wasserlauf, noch eine bedeutende Bahnstrecke oder Straße. Die Arbeiter kamen aus der gesamten Umgebung. Durch den beschwerlichen Weg zur Fabrik waren Sie natürlich öfter müde. So wurde beschlossen, dass hier auch Unterkünfte für die Arbeiter gebaut werden sollen. Es entstanden zunächst Häuser für ein bis vier Familien, doch es mussten ebenso öffentliche Einrichtungen wie ein Kaufhaus, ein Krankenhaus, ein Gemeinschaftshaus oder ein Kino errichtet werden. Baťas Arbeiter sollten sich also auch ausruhen können, um dann in seiner Fabrik mehr zu leisten.“

Doch wie konnten alle diese Bauten in relativ kurzer Zeit auf die grüne Wiese gesetzt werden? Die Lösung hatte sich Baťas bei den Amerikanern abgeschaut. Bei einer Reise in die Vereinigten Staaten war der mährische Industrielle nicht nur auf die Fließbandproduktion beim Autobauer Ford aufmerksam geworden, sondern auch auf die Schnellbauweise für die dortigen Wolkenkratzer. Doch auch auf dem alten Kontinent begann sich schon eine funktionale Bauweise durchzusetzen, erklärt Landislava Horňáková:

„Der Funktionalismus war eine neue Richtung in ganz Europa. Es entstanden geräumige Gebäude. Einfache Bauten mit großen Fenstern, durch die viel Sonne und frische Luft ins Innere gelangen konnte. Die Bauweise, die Baťas Architekten dazu anwendeten, war ebenso simpel und wirkungsvoll. Die gesamten Konstruktionen wurden mithilfe von Formen, einheitlichen Pfeilern und einer Verschalung durchgeführt. Dies ermöglichte es 15 Bauarbeitern pro Woche ein ganzes Stockwerk zu errichten. So wurde beispielsweise binnen drei Wochen eine dreistöckige Werkshalle gebaut und innerhalb eines Monats nach Baubeginn konnte die Produktion anlaufen. Die Arbeiten liefen also unglaublich schnell. Mit wachsender Expertise wurden die Abläufe zudem durchgehend verbessert.“

Klare Formen und starke Pfeiler

Ein Beispiel für diese Perfektionierung seien die Pfeiler, also die Bauträger, gewesen, ergänzt Landislava Horňáková. Zunächst wurden sie in der Baukastenform in einem Abstand von 6,15 Metern aufgestellt. Später wurde ihr Abstand auf 7 Meter erweitert. Dies geschah, um die Produktionslinien in den Hallen noch besser unterzubringen. Verantwortlich für diese Bauweise waren insbesondere zwei Architekten. Die Nummer eins von beiden beschreibt Horňáková so:

„Baťas Hofarchitekt war František Lydie Gahura. Er war der Autor der gesamten urbanen Konzeption von Zlín. Darunter auch von einzelnen kleineren Bauten wie zum Beispiel des Tomáš-Baťa-Denkmals. Darin wollte er die Charaktereigenschaften des Fabrikanten wiederspiegeln. Eines der Stilmittel in seiner Architektur, die Vertikale, hielt František Lydie Gahura für ein Symbol des Optimismus. Durch die Reduzierung der Baumaterialien auf Beton, Eisen und Glas, also auf das absolute Minimum, wollte er Baťas Großzügigkeit und Wahrheitsstreben darstellen. So wie hier, legte er in seine Arbeit stets solche symbolischen Bedeutungen.“

Um zu belegen, wie hart und unnachgiebig Tomáš Baťa selbst gegenüber seinen engsten Mitarbeitern sein konnte, erzählt Landislava Horňáková gerne immer wieder eine verbriefte Anekdote. Sie handelt davon, dass der Firmenchef seinem Chefarchitekten einen schönen Tages sagte, dass er sich für seine Stadt Zlín auch ein solch tolles Filmspielhaus wie das Kino Gaumont in Paris wünsche. Nur eine halbe Stunde nach diesem Gespräch sei Baťa seinem Baumeister Gahura erneut begegnet. Dabei sei es zu folgendem Wortwechsel gekommen:

„Baťa sagte zu seinem Chefarchitekten: ‚Herr Gahura, warum sind Sie noch hier? Sie sollten schon längst unterwegs sein‘. Darauf entgegnete Gahura: ‚Nun Herr Baťa, ich fahre morgen‘ worauf Baťa erwiderte: ‚Nein, Sie erledigen jetzt Ihre Reisepapiere und los geht’s‘. So war er eben, der Chef. Alles musste unverzüglich gemacht werden.“

Die Fachfrau nennt auch den zweiten großen Baumeister des Zlíner Funktionalismus:

„Ein weiterer bedeutender Architekt war Vladimír Karfík. Er hat das Gebäude Nummer 21 erbaut, das heutige Hotel Moskva und ein weiteres Gemeinschaftsgebäude in Zlín. Karfík war federführend für verschiedene Haustypen.“

Perfektion trotz Eile

Weil die Werkshallen und Fabrikgebäude in ihrer Einförmigkeit alle ziemlich gleich aussahen, bekamen sie Nummern. Doch es gab noch einen Grund dafür sagt Horňáková:

„Das war erneut die Eile, mit der gebaut wurde. Schnelligkeit spielte hier wirklich eine große Rolle. Niemand sollte durch irgendetwas aufgehalten werden, sondern gehörig Leistung bringen. Und weil Baťa schon als junger Mann zweimal zum Sammeln von Erfahrung in Amerika war, orientierte er sich bei der Nummerierung der Gebäude an der Straßenkennzeichnung in New York. Wenn also in Zlín jemand das Gebäude Nummer 14 aufsuchen sollte, dann wusste er, es ist das vierte Haus in der zweiten Zehnerreihe war.“

Der imposanteste Bau ist aber das bereits erwähnte Gebäude Nummer 21.

„Es ist das höchste Bauwerk in Zlín und wird deshalb auch Wolkenkratzer genannt. Es hat 16 Stockwerke und überragte damit alle anderen hohen Bauten der Schuhfabrik. Vladimír Karfík hat es nach dem Vorbild der amerikanischen Hochhäuser entworfen. Er arbeite in Übersee bei der Firma von Frank Lloyd Wright und war so bestens mit der Bauweise dieser Wolkenkratzer vertraut. Eine einzigartige Attraktion in dem Gebäude ist zudem ein als Büro gestalteter Aufzug von Baťa.“

Stilvolle Kuriositäten

Dieser besondere Lift ist heute nicht mehr in regelmäßigem Betrieb. Er kann aber nach vorheriger Anmeldung bei den aktuellen Hausherren, dem städtischen Finanzamt, besichtigt werden:

„Das ist dieser als Büro eingerichtete Aufzug. Er hat die Maße eines Moduls von 6x6 Metern, ist aber eigentlich ein wenig kleiner. Als er gebaut wurde, herrschte bereits Krieg. Deshalb konnte man ihn auch abdunkeln. Das Hoch- und Herunterfahren des Chefbüros sollte vor allem bei den Firmenbesuchern Eindruck machen. Es sollte ihnen zeigen, dass sie in einer Firma von Weltrang zu Gast sind – in einem Imperium. Er brachte die Gäste hinauf bis auf die Dachterrasse, wo sie eine wunderschöne Aussicht auf Zlín hatten.“

Der Blick von der Dachterrasse des Gebäudes Nummer 21 ist auch heute noch ein Genuss. Mittlerweile schaut man von dort oben aber schon längst nicht mehr auf das emsige Treiben in der ehemaligen Schuhfabrik, sondern auf andere Unternehmen und Nutzer dieser funktionellen Gebäude.

„Das alte Fabrikgelände hat sich nach und nach zum zweiten Stadtzentrum von Zlín gewandelt. Das trifft jedoch eher auf die Arbeitswoche zu. Am Wochenende verlagert sich das Geschehen auf den alten Stadtplatz, den Platz des Friedens. Auf dem Gelände des ehemaligen Baťa Imperiums haben sich die Hauptpost, mehrere Ämter, Cafés und Geschäfte niedergelassen. Unter der Woche pulsiert hier folglich das Leben. Ab Freitagabend ist die Gegend aber menschenleer. Die Firmen haben geschlossen, und Wohnungen gibt es hier nur sehr wenige. Also bleiben auch die Cafés und Läden zu. Überhaupt gleicht Zlín dann einer Geisterstadt. Denn die Menschen sind es hier gewohnt, zu den Ausflugsorten der Umgebung zu fahren.“

Zlín ist auch nach dem Sturz des kommunistischen Regimes ziemlich eigenständig geblieben. Hier haben sich inzwischen Existenzgründer und Jungunternehmer angesiedelt, deren Aktivitäten weit über dem Schnitt des Landes liegen. 2001 wurde die Tomáš-Baťa-Universität in Zlín gegründet.

 
 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 19.07.2019
 
 
 

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