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Musen und Blumen auf Schloss Litomyšl

 
photo:  (Zdeňka Kalová (Foto: Martina Schneibergová))
 

Es gehört zu den wertvollsten Baudenkmälern der Renaissancezeit hierzulande: das Schloss in Litomyšl / Leitomischl. Erbaut im 16. Jahrhundert wurde es vor 20 Jahren in die Liste des Unesco-Welt-Kulturerbes eingetragen. Aus diesem Anlass ist am Samstag in der Residenz eine Ausstellung eröffnet worden mit dem Titel „Musen und Blumen“.

 

Durch den Schlosseingang geht es in den Innenhof, dieser ist von drei Seiten von einem dreigeschossigen Arkadengang umgeben. Die neue Ausstellung ist in den Prunksälen im Erdgeschoss links vom Eingang zu sehen. Das Schloss wurde 1999 als Beispiel eines italienischen Renaissancepalastes auf tschechischem Boden in die Unesco-Welterbe-Liste eingetragen. Zdeňka Kalová ist Kastellanin von Litomyšl und hat die neue Schau initiiert.

„Wir haben überlegt, was für das Schloss typisch ist. Es sind jene Baustile, die an die Antike anknüpfen, und zwar die Renaissance und der Klassizismus. In der Residenz befindet sich ein wertvolles historisches Theater aus dem 18. Jahrhundert. Darum haben wir uns entschieden, die Prunksäle im Erdgeschoss im Zeichen verschiedener Musen mit zu diesem Zweck speziell gebunden Blumensträußen zu schmücken. Ein Saal gehört der Muse des Tanzes, ein anderer der Muse der Astronomie und der nächste der Muse der Liebesdichtung.“

Barocktheater mit Originalkulissen

Der große Saal ist wie ein Theater gestaltet. Zwei Figuren auf der Bühne, die ein Liebespaar darstellen, stammen vermutlich aus der Commedia dell’arte. Ein Harlekin beobachtet das Geschehen vom Zuschauerraum aus, versteckt hinter einem herrlichen Blumenstrauß. Im Schloss seien nacheinander sogar drei Theater angelegt worden, bemerkt Zdeňka Kalová.

„1767 richtete Georg Christian Graf von Waldstein-Wartenberg in der ersten Etage seiner Residenz das erste Theater ein. Schon 1775 wurde das Gebäude von einem Brand stark beschädigt. Der Graf ließ ein neues Theater eben hier in diesem Saal im Erdgeschoss anlegen. Darum sind hier noch Fragmente der ursprünglichen Wandmalereien zu sehen. Alles deutet darauf hin, dass es hier einen Zuschauerraum mit Treppen gab. Aber wir wissen nicht, ob das zweite Schlosstheater überhaupt genutzt wurde. Denn schon 1797 wurde der Bau eines weiteren Theaters aus Holz beendet, dieses befindet sich bis heute nahe dem Saal. Diese Bühne verfügt bis heute über die technische Ausstattung aus der Barockzeit. Einzigartig ist die Sammlung von Originalkulissen, die Josef Platzer gemalt hat.“

Seit sechs Jahren werden im Schloss Blumenausstellungen gezeigt. Sie sei bemüht, die Blumendekorationen den Themen der wechselnden Ausstellungen und dem Interieur anzupassen, sagt die Kastellanin:

„Alle Blumen, die hier zu sehen sind, waren bis auf die Amaryllis schon in der Renaissancezeit bekannt. Es handelt sich um Rosen, großblütige Lilien, Nelken und Tulpen. Tulpen hat Ferdinand I. von Habsburg nach Europa gebracht. Die Floristinnen haben sich bemüht, die Blumendekorationen auch farblich dem Interieur anzupassen.“

Der Rokokosaal stammt aus der Zeit, als die Adelsfamilie Trautmannsdorff das Schloss besaß. Der Raum wurde der Kastellanin zufolge 1775 durch einen Brand beschädigt. Die Originalwandmalereien sind nur an drei Stellen erhalten.

„Dieser Saal wird nur ausnahmsweise geöffnet – für Hochzeitszeremonien oder für die Blumenausstellungen. Da die Wände so zart bemalt sind, haben wir diesen Raum der Muse der Liebesdichtung gewidmet. Man könnte sich vorstellen, dass in diesem Salon ein Troubadour seine Verse seinem Mäzen oder der Schlossbesitzerin vorgelesen hat.“

Der nächste Raum steht im Zeichen von Musen, die Patroninnen der Wissenschaften sind.

„Astronomie und Astrologie wurden bis in die Zeit der Renaissance eher für eine Kunst als für Wissenschaften gehalten. Wir konzentrieren uns in diesem Saal auf zwei Musen: Urania, die Muse der Astronomie, und Klio, die Muse der Geschichtsschreibung. Die Schlossgärtnerinnen haben hier aus Blumen das ganze Sonnensystem kreiert. Die Sonne besteht aus Sonnenblumen, um sie herum sind die Planeten zu sehen. Die Venus ist beispielsweise aus speziellen roten Rosen geflochten worden, die speziell für die Schau aus den Niederlanden geliefert wurden. In der Nische befindet sich ein Schwarzes Loch, so wie sich es die Gärtnerinnen vorstellen.“

Horoskop für das Schloss

Vratislav von Pernstein ließ das Schloss bauen. Als typischer Renaissancekavalier arbeitete er mit Künstlern, Astronomen und Astrologen zusammen, diese hatten am Hof von Kaiser Rudolf II. und zuvor schon am Hof von dessen Vater Maximilian von Habsburg gelebt. Die Kastellanin:

„Er ließ sich damals ein Horoskop für den Bau seines Schlosses zusammenstellen. Dem Horoskop zufolge sollte er am 15. März 1568 den Grundstein für die Residenz legen. Pernstein folgte dem Hinweis. Im vergangenen Jahr sind also 450 Jahre seit der Grundsteinlegung vergangen.“

Terpsichore, die Muse des Tanzes, herrscht über den letzten Ausstellungssaal. Das Ballett und der klassische Tanz sind in der Zeit der Renaissance entstanden. Grundlage waren jene Schauspiele, die an italienischen und französischen Fürstenhöfen aufgeführt wurden, sowie Gesellschaftsspiele und Straßentänze. Bis in das 18. Jahrhundert seien nur Männer im Ballett aufgetreten, erzählt Zdeňka Kalová.

„Erst Ende des 18. Jahrhunderts begannen auch Frauen, Ballett zu tanzen, und es entstanden Aufführungen in der Form, wie man sie heute kennt. Die Blumenausstellung wird diesmal durch eine Schau ergänzt, die in den Arkadengängen zu sehen ist. Ihr Thema ist das vermutlich älteste europäische Ballett ,La Fille mal gardée‘ – ,Die schlecht behütete Tochter‘. Uraufgeführt wurde es im Revolutionsjahr 1789 in Bordeaux. Das Stück steht in Beziehung zu Litomyšl. Denn im hiesigen Schlosstheater, das 1797 eröffnet wurde, hängt ein Bild mit dem Hauptdarsteller, dem damals berühmten italienischen Tänzer Salvatore Vigano, und seiner Frau Maria Medina. Es ist ein Beispiel dafür, wie die Länder Europas vor allem kulturell miteinander verflochten sind.“

Die Geschichte Balletts wird auf Schautafeln geschildert. Zudem werden einige Entwürfe gezeigt für die künstlerische Gestaltung der Wandfelder am Sims der Schlossfassade. Die Kastellanin:

„Wenn alles klappt, wird das Schloss ab 2020 umfangreich restauriert. Ursprünglich verlief um das ganze Schloss herum ein Sims mit sogenannten Lünetten, also gerahmten Bogenfeldern. Nach einem der verheerenden Brände ließen die Pernsteins diesen jedoch abreißen. Erst 300 Jahre später hat ein Team von Restauratoren um den Bildhauer Olbram Zoubek den Sims teilweise erneuert. Im vergangenen Jahr hat das staatliche Denkmalamt eine Ausschreibung für die weitere Gestaltung der Lünetten durchgeführt. Vier Künstler haben sich gemeldet. Sie haben sich von den Musen der Antike inspirieren lassen. Die Entwürfe stellen wir in einfacher Form inmitten der Blumen und Musen vor.“


Die Ausstellung „Musen und Blumen“ ist noch bis 22. April in Schloss Litomyšl zu sehen. Sie ist täglich außer montags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Jeden Tag gibt es Führungen durch die Schau. Auch am Ostermontag ist die Ausstellung zugänglich. In einer der nächsten Ausgaben von „Reiseland Tschechien“ bringen wir eine Führung durch das Schloss.

 
 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 12.04.2019
 
 
 

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