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Mein Baby ist ein Frühchen

 
photo:  (radio.cz)
 

Kinder, die vorzeitig geboren werden, haben dank der Medizin immer bessere Überlebenschancen. Trotzdem ist eine Frühgeburt eine schwere Belastungsprobe für die Eltern. Eben ihnen hilft seit 2013 der tschechische Stiftungsfonds für Frühgeborene und ihre Familien.

 

Nicht jede Mutter hat das Glück, dass sie ihr neugeborenes Kind nach ein paar Tagen mit nach Hause nehmen kann. Manche Babys müssen noch mehrere Wochen bis Monate im Krankenhaus bleiben. Der Grund: Sie sind vorzeitig zur Welt gekommen. In Tschechien geschieht dies bei 8000 bis 9000 Kindern pro Jahr. Das heißt, etwa jedes zwölfte Neugeborene ist ein Frühchen. Es kommt zwischen der 24. und der 37. Schwangerschaftswoche mit einem Gewicht zwischen 500 und 2.500 Gramm zur Welt.

In den vergangenen Jahren hat die Medizin einen Riesenfortschritt gemacht, und die Überlebenschancen für diese Babys sind wesentlich gestiegen. Trotzdem ist die Zeit nach der Geburt eines Frühchens für die Eltern sehr hart. Unmittelbar nach der Niederkunft fühlt man Unsicherheit und Angst um das Baby. Die späteren Tage und Jahre sind geprägt von physiotherapeutischen Übungen, ärztlichen Untersuchungen und in einigen Fällen auch von der Sorge um das Kind, das die Folgen seiner Frühgeburt lebenslang tragen muss. Auch Hana Píšová hat eine Frühgeburt erlebt:

„Ich habe im Jahr 2010 frühgeborene Zwillinge in der 24. Schwangerschaftswoche zur Welt gebracht. Die Ärzte gaben ganz zu Anfang meinen Kindern keine Überlebenschance. Später befürchtete man ernste Beeinträchtigungen. Ich habe erlebt, was auch jede andere Familie in dieser Situation erlebt. Als meine Kinder drei Jahre alt waren, wurde klar, dass sie gesund sind. Sie konnten laufen, wahrnehmen und reagieren wie normal geborene Kinder. In dem Augenblick habe ich mich entschieden, Menschen mit einem ähnlichen Schicksal zu helfen.“

Hana Píšová hat zusammen mit ihrer Bekannten Markéta Stránská einen Stiftungsfonds für Frühgeborene und ihre Familien gegründet. Wegen ihrer eigenen Erfahrung wusste die Mutter ganz genau, was die Eltern am meisten brauchen:

„Am Anfang vor allem das Gefühl, dass sie in ihrer Lage nicht allein sind. Wobei ich sagen muss, dass ich persönlich ein besonderer Fall war: Meine Eltern und mein Bruder arbeiten schon ihr ganzes Leben lang mit geistig behinderten Menschen zusammen. Ich habe allzu gut die Risiken gekannt, daher war mein Stress umso größer. Manchmal denke ich mir, dass es besser ist, nichts zu wissen und bloß zu glauben und zu hoffen. In der ersten Phase brauchen die Eltern also an erster Stelle psychologische Hilfe - und in der Folge dann finanzielle Unterstützung.“

Eben auf die finanzielle Hilfe ist die Tätigkeit der Stiftung ausgerichtet:

„Die Finanzen helfen den Eltern unter anderem, mit ihrem Kind während dessen Hospitalisierung in Kontakt zu bleiben. Die Ärzte haben nachgewiesen, dass die tägliche Anwesenheit der Mutter beziehungsweise des Vaters den Gesundheitszustand des Babys verbessert und bei seiner Entwicklung hilft. Wenn das Kind dazu reif genug ist, wird die sogenannte Känguru-Methode und der Haut-zu-Haut-Kontakt angewandt. Das Baby wird aus dem Inkubator herausgenommen, wobei es aber am Beatmungsschlauch und allen weiteren Schläuchen und Sonden angeschlossen bleibt. Man legt es dann auf den Oberkörper der Mutter oder des Vaters. Die Ärzte haben belegt, dass sich in dem Augenblick die Lebensfunktionen des Babys wie Herzrhythmus und Atmung verbessern.“

In vielen Fällen dienen die Spendengelder des Stiftungsfonds für die Pflege von Kindern, die in Folge der Frühgeburt lebenslang behindert sind. Hana Píšová beschreibt, wie konkret der Fonds funktioniert:

„Jede Familie in Tschechien, die ein frühgeborenes Kind hat, kann bei uns finanzielle Unterstützung beantragen. Sei es für den Ankauf eines Hilfsmittels, für die Kosten einer speziellen Reha-Maßnahme oder, wie schon gesagt, für die Reisekosten an den ersten Tagen nach der Geburt, wenn man auch mehrere hundert Kilometer zu seinem Kind fahren muss. Der Antrag wird vom Verwaltungsrat der Stiftung und aus ärztlicher Sicht vom Oberarzt der Neonatologie-Klinik in Prag-Podolí, Zbyněk Straňák, beurteilt. Seit der Fonds vor fünf Jahren gegründet wurde, haben wir bis auf zwei Ausnahmen allen Anträgen stattgegeben. In den beiden Fällen ging es um sehr spezialisierte Operationen.“

Insgesamt wurden auf diesem Weg einige hundert Familien unterstützt:

„Wir bemühen uns, den Familien wiederholt und langfristig zu helfen. Der höchste Betrag, den wir für eine Sache ausgezahlt haben, waren 250.000 Kronen (9600 Euro) für einen elektrischen Rollstuhl. Dieser half, die Lebensqualität eines behinderten Mädchens wesentlich zu verbessern. Weitere Gelder dienten für spezialisierte Reha-Verfahren. Ein Monat Behandlung kostet etwa 70.000 Kronen (2700 Euro), und das Kind muss eine solche Therapie dreimal im Jahr wiederholen.“

Die Damen vom Fonds organisieren die Hilfe. Und sie bleiben mit den Familien auch nach der Überweisung der Spende in Kontakt:

„Bei uns gibt es die Tradition, dass jede Familie für uns ihre Geschichte aufschreibt und uns Fotos zuschickt. Ich befürworte ansonsten nicht, dass solche Geschichten medialisiert werden, aber Spendengelder lassen sich nicht anders einholen. Zudem halten wir dies für unsere Pflicht gegenüber unseren Finanzpartnern. Wenn wir eine Million Kronen von einer Firma bekommen, berichten wir dann zurück, welcher konkrete Betrag an welche Familie überwiesen wurde. Aber die Familien melden sich auch von selbst. Eine Frau hat uns jetzt für eine Spende gedankt und versprochen, jeden Tag für uns zu beten. Andere schicken uns etwa Ansichtskarten aus den Kuraufenthalten. Darüber freuen wir uns sehr.“

Um ihre Stiftung finanzieren zu können, bemühen sich die Gründerinnen, auch regelmäßige Spender zu finden, die monatlich mit kleinen Beiträgen auf das Konto für Frühgeborene beitragen. Zudem sind sie von Anfang an die Öffentlichkeit gegangen. So haben sie sich selbst an den Start eines Spendenlaufs gestellt. Oder etwa Nachttöpfe versteigert, die von bekannten Persönlichkeiten bemalt wurden. Ende 2018 gelang es dann, unter die vier Stiftungen zu kommen, die im Rahmen einer Liveübertragung von vier Adventskonzerten im öffentlich-rechtlichen Tschechischen Fernsehen Spenden sammeln durften. Bereits 2016 wurde zudem das erste sogenannte „Vorzeitige Konzert“ ausgetragen. Der weltberühmte Opernbass Adam Plachetka war damals Star des Abends:

„Ich bin etwa vor vier Jahren mit den Damen von der Stiftung zum ersten Mal in Kontakt gekommen. Damals bekam meine Frau unser erstes Kind. Ich hielt es für nötig, diejenigen zu unterstützen, die nicht so viel Glück hatten wie wir. Und seitdem funktioniert die Zusammenarbeit von beiden Seiten her gut. Wir spüren alle, dass sie etwas Gutes bringt. Wir versuchen auch, weitere Projekte zu finden. Ich hoffe, dass die Sache weiter Erfolg hat.“

Das bereits zweite „Vorzeitige Benefiz-Konzert“ findet am 20. Februar im Žofín-Palais in Prag statt. Adam Plachetka und seine Frau, die Sopranistin Katerina Kněžíková, singen in Begleitung des Sinfonieorchesters des Tschechischen Rundfunks überwiegend Arien und Duette aus den Opern von Bedřich Smetana und Antonín Dvořák. Der gesamte Ertrag aus den Eintrittskarten wird auf das Konto des Stiftungsfonds für Frühgeborene und ihre Familien überwiesen.

 
 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 13.02.2019
 
 
 

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