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Geschichte verstehen statt pauken

 
photo:  (radio.cz)
 

Daten auswendig lernen, und zwar von der Antike bis in die Neuzeit. Aber nur dann, wenn der Lehrer den gesamten Stoff durchbekommt. So lässt sich in Kürze der Geschichtsunterricht an tschechischen Schulen definieren. Das soll sich nun ändern, die zuständigen Ämter wollen schon bald eine Reform der Lehrpläne vorlegen. Druck kommt nämlich nicht nur von den Lehrern, sondern auch vom Institut zum Studium totalitärer Regime.

 

Der Geschichtsunterricht findet für die Siebtklässler des Prager Gymnasiums „Přírodní škola“ nicht immer im Klassenzimmer statt. Diesmal führt er sie zum Jagdschloss Stern im Prager Stadtteil Břevnov. Die Teenager sollen dort jene architektonischen Merkmale finden, die Renaissancebauten von denen aus dem Barock unterschieden. Laut dem Geschichtslehrer Jaroslav Najbert will sein Gymnasium so den Unterricht etwas plastischer machen:

„An unserer Schule nennen wir diese Tage immer Projekt-Mittwoche. Die Lehrer können ihre thematischen Pläne auf diesen Tag zuschneiden. Konkret haben wir unseren Projekttag dem Barock gewidmet. Dabei haben wir eine Wanderung gemacht vom Denkmal am Weißen Berg über die Kirche Maria vom Siege bis hierhin zum Jagdschloss Stern.“

Die Kinder sollen versuchen, das Jagdschloss Stern der richtigen Epoche zuzuordnen. Helfen soll ihnen dabei ihr Vorwissen über die Stile, aber auch die zeitliche Einordnung des Baus. So haben die Gymnasiasten zuvor ein Gemälde zur Schlacht auf dem Weißen Berg analysiert, auf dem das Schlösschen bereits zu sehen ist. Außerdem erkennen sie bestimmte architektonische Merkmale, anhand derer sie den Bau richtig in die Renaissance einordnen. Gerade diese analytische Herangehensweise über authentische Artefakte sieht Najbrt als besten Weg, historische Zusammenhänge tatsächlich zu verstehen:

„Ich denke, dass die Aufgaben in der Schule oft zu einfach sind. Wenn ich zum Beispiel das Thema Barock durchnehme und die Kinder frage: ‚Zu welcher Epoche gehört dieses oder jenes Gebäude?‘, dann ist die Antwort ja klar. In der echten Welt muss man aber immer durch die Zeit springen, weshalb ich den Unterricht draußen sehr gern mag. Die Schüler verlassen den künstlichen Raum des Klassenzimmers und kommen mit echten Dingen in Berührung. Das können sie dann tatsächlich anwenden, wo auch immer sie sich befinden. Die Unterscheidung beispielsweise einer gotischen Kirche von einer aus dem Barock fällt ihnen dann ganz leicht.“

Die Kinder sind begeistert von dieser Art des Unterrichts, und sie spüren den Unterschied zum frontalen Pauken, wie etwa auch Zuzana:

„Ich merke mir die ganzen Sachen wirklich viel besser. Nur gebe ich ihnen oft irgendwelche eigenen Namen und erfahre die richtigen Bezeichnungen erst im Nachhinein.“

Frontalunterricht wegen zu viel Freiheit?

Mit dieser Form des Geschichtsunterrichts ist das Prager Gymnasium „Přírodní škola“ jedoch eher eine Ausnahme in Tschechien. Denn immer noch herrscht hierzulande das Pauken von Daten vor, das Verstehen von historischen Zusammenhängen ist eher Nebensache. Pavel Martinovský ist Vorsitzender des tschechischen Verbandes der Geschichtslehrer:

„Ich kenne Fälle, in denen Lehrer tatsächlich daran gehindert werden, ihren Unterricht etwas anders zu gestalten. Die Schulen hierzulande verlangen oft nur die klassische Lehre, bei der ein Pädagoge den Stoff vorne an der Tafel einfach vorkaut. Der Schüler schreibt alles ins Heft ab, lernt es auswendig, und die Eltern sind froh, wenn er fürs Aufsagen des Stoffs eine Eins bekommt. So sollte es aber eigentlich nicht sein.“

Dabei sind die Lehrpläne für Geschichte in Tschechien laut Martinovský überhaupt nicht so strikt, wie es auf den ersten Blick aussieht. Sogar ganz im Gegenteil, erläutert der Historiker:

„In den Lehrplänen steht nicht konkret, dass man über die Schlacht bei Marathon sprechen muss. Vielmehr sollen die Kinder laut Plan beispielsweise etwas über die Lebensumstände bei den alten Griechen erfahren oder über ihren Blick auf die Freiheit. In der modernen Geschichte ist wiederum das Problem der geteilten Welt ein großer Punkt. Ich als Lehrer muss eigentlich nicht über jeden Stellvertreterkrieg sprechen, in dem die USA und Sowjetunion ihre Kräfte gemessen haben. Es reicht, einen Konflikt zu nehmen und an ihm die ganze Systematik dahinter zu erklären. Wenn ich also den Lehrplan richtig erfülle, dann habe ich relativ große Freiheiten bei der Vorbereitung meines Unterrichts.“

Die Schulen und Lehrer müssten also selbst Akzente setzen und sich ihre Schwerpunkte erarbeiten. Nur, das passiert hierzulande kaum, und der Unterricht bleibt frontal wie eh und je. Dabei komme es außerdem zu einem ganz entscheidenden Problem, erklärt der innovative Lehrer Jaroslav Najbert:

„Viele Lehrer können mit dieser Freiheit nicht umgehen, ob nun wegen ihrer persönlichen Eignung oder aus sonst welchen Gründen. Sie schreiben dann einfach die Lehrbücher ab, und keiner zwingt sie dazu, ihre eigenen Lehrpläne zu schrumpfen. Der Unterricht ist am Ende sehr detailliert und bleibt beispielsweise an Kleinigkeiten aus dem Mittelalter hängen. Viele Pädagogen kommen so nicht einmal zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, was ja einer der größten Kritikpunkte in den Medien ist.“

Abspecken und neue Akzente setzen

Die Politik sieht nun jedoch Handlungsbedarf. Nicht zuletzt, weil der Geschichtsunterricht in den vergangenen Monaten schwer unter kritischem Beschuss stand. Unter anderem der Inlandsgeheimdienst BIS warf den Schulen vor, durch die antiquierten Lehrpläne weiterhin sowjetische Propagandaschemen zu bedienen. Deshalb wird nun im Auftrag des Bildungsministeriums an einer Reform der Lehrpläne gearbeitet – das Motto dabei ist: abspecken. Beteiligt ist auch Pavel Martinovský:

„Wir wollen die Lehrpläne etwas luftiger machen. Vor allem bei der Vorzeit und der Antike wollen wir streichen und uns auf Dinge konzentrieren, die eine unmittelbare Bedeutung für die Gegenwart haben. Verstärkt sollen so die Ereignisse aus der jüngeren Vergangenheit gelehrt werden. Ein Ansatzpunkt kann die Französische Revolution sein, die die Grundlagen für die heutige Gesellschaft geschaffen hat.“

Das reicht aber nicht. Zudem soll die Herangehensweise an die Geschichte in eine andere Richtung gelenkt werden. Konkret bedeutet das, bei den Jugendlichen steht in Zukunft das Verstehen von Sachverhalten an erster Stelle und nicht mehr bloßes Datenwissen. Auch das Institut zum Studium totalitärer Regime arbeitet an den neuen Konzepten mit. Kamil Činatl von der Bildungsabteilung des Instituts erläutert, wo in Zukunft die methodischen Schwerpunkte liegen:

„Wir wollen die Arbeit mit Quellen ausbauen. Die Jugendlichen müssen dann nicht nur Daten beherrschen, sondern auch einen praktischen Zugang zur Geschichte bekommen. Daraus ergibt sich schließlich eine Art geschichtliche Alphabetisierung, die den Heranwachsenden beispielswiese beim Vergleich von mehreren historischen Quellen hilft.“

Das Institut zum Studium totalitärer Regime gehört zu den lautesten Kritikern der aktuellen Lehrpläne in Geschichte. Deshalb versucht es auch auf eigene Faust, den Lehrern in Seminaren andere Vorgehensweisen im Geschichtsunterricht näherzubringen. Laut Kamil Činatl ist ein Bewusstsein für historische Ereignisse heutzutage wichtiger denn je:

„In unserer heutigen Medienwelt wird man von Informationen regelrecht erstickt. Der Geschichtsunterricht kann dazu beitragen, dass man zu filtern lernt und immun wird gegen einfache Schwarz-Weiß-Lösungen sowie sämtliche Verschwörungstheorien mit gewaltigem Konfliktpotential. Schon an den Grundschulen sollte man lernen, mit dem Informationsschwall umzugehen.“

 
 
Autor: Český rozhlas Radio Praha
 
Datum: 16.05.2019
 
 
 

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